Erna Schilling (1884–1945)

Erna Kirchner



Foto: Ernst Ludwig Kirchner; Kirchner Museum Davos


Erna Schilling wird als zweites Kind des Buchdruckers Gustav Schilling in Berlin geboren. Aufgrund familiärer Unstimmigkeiten verlässt sie zusammen mit ihrer älteren Schwester Gerda (1893–1923) das Elternhaus und verdient sich ihren Unterhalt als Nachtclub-Tänzerin. 1911 lernt sie in einem Berliner Tanzlokal Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) kennen, den sie fortan bis zu seinem Lebensende als Lebenspartnerin, Modell, Künstlerin und Krankenpflegerin begleitet. In dem von Kirchner zusammen mit Max Pechstein (1881–1955) im Dezember 1911 gegründeten Institut MUIM (Moderner Unterricht im Malen) in Berlin-Wilmersdorf stehen Erna und Gerda den Malern Modell. Die Schwestern begleiten Kirchner auch während seiner Aufenthalte auf die Ostsee-Insel Fehmarn, wo Kirchner neben den Moritzburger Seen seine Sommer bis 1914 verbringt. Dort entsteht auch das erste Selbstbildnis mit Erna. Fotos aus der Berliner Zeit belegen, dass Erna Schilling Kirchners Werk nicht nur als Muse und Modell beeinflusst, sondern sein Arbeiten ab spätestens 1914 auch künstlerisch aufgreift und begleitet: es entstehen Stickarbeiten nach Entwürfen von Kirchner wie Decken, Kissen, Vorhänge und andere Raumausstattungen in farbenfroher Ornamentik.
Schillings und Kirchners Beziehung überdauert den Ersten Weltkrieg, aus dem Kirchner 1916 vorläufig entlassen, schwer traumatisiert heimkehrt. Sie, noch ansässig in Berlin, besucht ihn, während seiner Behandlung im Sanatorium in Königstein (Taunus). In einem Brief von 1917 schildert sie dem Kirchner-Mäzen und Sammler Carl Hagemann wie angeschlagenen und ernst der Gesundheitszustand »ihres Mannes« sei. Dies führt auch dazu, dass Erna Schilling ab 1916 offiziell die Geschäfte ihres Mannes übernimmt. Verheiratet sind die beiden nicht, trotzdem bevollmächtigt er sie sowohl zum Verkauf als auch zum Signieren seiner Bilder. Sie beginnt ein erstes Verzeichnis seiner Grafiken und Bilder anzufertigen, die sie von Eberhard Grisebach (1880–1945) zusammensuchen lässt, nach Entstehungszeit sortiert und dann Gustav Schiefler (1857–1935) zur Verfügung stellt. Außerdem beginnt sie seinen Nachnamen zu führen – auch ohne Trauschein.
Erst 1921 zieht Erna dauerhaft zu Ernst Ludwig Kirchner, der seit 1918 im Haus in den Lärchen in Davos lebt. Die Beziehung zu dem Maler, sein Wunsch nach einer freien Beziehung sowie Verbindungen zu anderen Frauen und nicht zuletzt die Einsamkeit der Berglandschaft machen ihr zu schaffen, so dass sie mit immer stärkeren Depressionen zu kämpfen hat. Trotzdem ist die Förderung von Kirchners Werk ihr Lebensmittelpunkt. In der Absicht, Erna zu heiraten, bestellt Kirchner das Aufgebot, zieht es jedoch kurz darauf zurück und wählt am 15. Juni 1938 den Freitod. Trotzdem darf Erna amtlich nun den Namen Kirchner führen. Auch nach Kirchners Tod 1938 bleibt sie in Davos im Wildbodenhaus, in dem sie seit 1923 mit dem Künstler gelebt hatte.

JL

Literatur

Donald E. Gordon: ERNST LUDWIG KIRCHNER. MIT EINEM KRITISCHEN KATALOG SÄMTLICHER GEMÄLDE, München: Prestel-Verlag, 1968
Karlheinz Gabler: E L KIRCHNER. DOKUMENTE. FOTOS, SCHRIFTEN, BRIEFE, hrsg. v. Ingrid Jenderko-Sichelschmidt im Auftrag d. Museum der Stadt Aschaffenburg, 1980
MAGAZIN IV – ERNA UND ERNST LUDWIG KIRCHNER. EIN KÜNSTLERPAAR, hrsg. v. Roland Scotti, Davos: Buchdruckerei Davos AG, 2003