Sammlung Esche



Foto: Erwin Raupp; Privatbesitz Ingo Esche


Herbert Eugen Esche (1874–1962), gebürtig aus Chemnitz, tritt nach ausgedehnten Wanderjahren in den Auslandsvertretungen der urgroßväterlichen Strumpffabrik 1898 in die Direktion des traditionsreichen und wirtschaftlich florierenden Familienunternehmen ein. Zwischen 1894 und 1898 verbringt er längere Zeit in Paris und lernt in der Galerie d’Art Nouveau auch den belgischen Architekten und Gestalter Henry van de Velde (1863–1957) und den Maler Edvard Munch (1863–1944) kennen. Aus dieser ersten Begegnung wird eine langjährige Freundschaft, die dazu führt, dass Esche und seine Frau Johanna (1879–1911), genannt »Hanni«, Van de Velde 1902 mit dem Bau der Chemnitzer Familienvilla beauftragen. Der Architekt entwirft nicht nur den Bau, sondern auch das Dekor und Mobiliar. Es wird ein Gesamtkunstwerk, in das die Esches 1905 den Maler Munch einladen, um die Familie porträtieren zu lassen. Während eines dreiwöchigen Aufenthalts des Malers entstehen so sieben Einzel- und Familienporträts, von denen sechs Porträts seit 1997 und 2015 der Herbert Eugen Esche-Stiftung gehören, während eines verschollen ist.
Es sind nicht die einzigen Gemälde, die das Ehepaar Esche besitzt. Durch persönliche Freundschaften finden vor oder in 1905 ein Gemälde von Paul Signac (1863–1935) und zwei Gemälde von Théo van Rysselberghe (1862–1926) ihren Weg in die Sammlung. Stetig kommen Gemälde anderer Künstler hinzu, so wie 1905 und 1910 drei Gemälde von Pierre Bonnard (1867–1947). Anlässlich ihres Hochzeitstages schenkt Hanni Esche ihrem Mann im Frühjahr 1906 das Gemälde »Ernte in der Provence« von Vincent van Gogh (1853–1890), das sie bei Paul Cassirer in Berlin erwirbt. Es bleibt der einzige Van Gogh. In den folgenden Jahren reist das Ehepaar Esche mehrfach nach Paris und erwirbt über die Pariser Galerien Durand-Ruel und Bernheim-Jeune Gemälde von Pierre Bonnard und Édouard Vuillard (1868–1940). Ihr Kunstinteresse bleibt wach, auch jüngere Künstlergenerationen interessieren sie. Johanna Esche stirbt bereits 1911. In einer Ausstellung mit Werken aus Privatbesitz, 1918 von der Kunsthütte Chemnitz im König Alber Museum veranstaltet, tritt das Sammlerpaar Esche prominent in Erscheinung. Gezeigt werden ein Stillleben von Henri Matisse (1869–1954), Arbeiten von Willy Jäckel (1888–1944) und weitere Gemälde anderer Künstler. Wirtschaftlich geht es der Strumpffabrik bis zur Weltwirtschaftskrise gut. Als jedoch unter dem Druck des NS-Regimes immer mehr jüdische Textilhändler an ihrer Tätigkeit gehindert werden und wenn möglich das Land verlassen, wirkt sich dies auch auf die Geschäfte der Strumpffabrik aus, die auf ihre Vermittlung angewiesen ist. Ab 1939 kann nur noch ein schmales Sortiment an Strümpfen produziert werden. Als Chemnitz bombardiert wird, wird auch das Fabrikgebäude schwer beschädigt. Danach ist es das große Ziel der Familie, die wertvollen Maschinen vor weiteren Schäden zu schützen. Die Produktion kommt zum Erliegen. 1945 wird die Villa Esche von der Roten Armee konfisziert. Die Einrichtung wird zerstört, zweckentfremdet, Bilder werden entfernt oder übermalt. Herbert Esche kommt bei seinem Sohn Hans Herbert (1900–1976) unter. Über Siegesdorf in Bayern und Konstanz reist er 1946 in die Schweiz nach Küsnacht, wo er bei seiner Tochter Erdmuthe Margarete (1903–1990) bis zu seinem Tod lebt.

JL

Literatur

AUSSTELLUNG AUS PRIVATBESITZ. MALEREI – PLASTIK, hrsg. v. Kunsthütte zu Chemnitz, Ausst.-Kat. König-Albert-Museum, April, 1918
LOVIS CORINTH. AUSSTELLUNG VON GEMÄLDEN UND AQUARELLEN ZU SEINEM GEDÄCHTNIS, Ausst.-Kat. Nationalgalerie, Berlin, 1926
LOVIS CORINTH. GEDÄCHTNIS=AUSSTELLUNG. GEMÄLDE, AQUARELLE, ZEICHNUNGEN, GRAPHIK, Ausst.-Kat. Sächsischer Kunstverein zu Dresden (22.01.–Mitte März 1927), 1927
Reinhold Heller: »Strømpefabrikaten, van de Velde og Edvard Munch«, in: KUNST OG KULTUR, Jg. 51, S. 89–104
Tilo Richter: HERBERT EUGEN ESCHE. EIN LEBENSBILD, hrsg. v. Herbert Eugen Esche-Stiftung Zürich, Leipzig: Passage-Verlag, 2001
Christian Klemm, Lukas Gloor: EDVARD MUNCH UND DIE FAMILIE ESCHE: DIE BILDNISSE, DIE SAMMLUNG, Zürich: Scheidegger & Spiess, 2016