Sammlung Weise



Fotograf unbekannt; Privatarchiv der Eheleute Buchheim


Felix Weise (1876–1961) kommt als eines von drei Kindern des Maschinenbau-Unternehmers und Inhaber von Weise & Monski, Rudolf Ernst Weise (1844–1935), in Halle an der Saale zur Welt. Früh steigt er in den großväterlichen Betrieb als studierter Ingenieur mit ein und wird am 31.12.1913 zusammen mit seinem Bruder Erich persönlich haftender Gesellschafter der Turbinenpumpenfabrik in der Halleschen Turmstraße 94–96, die er unter neuem Namen »Weise Söhne, Fabrik für Turbinenpumpen, Bauart Weise & Monski« (kurz: Fa. Weise Söhne) bis 1949 weiterführt. Am 01.07.1945 treten seine Kinder Ruprecht (1914–unbekannt) und Elsa Weise (Lebensdaten unbekannt) als Gesellschafter in die Firma ein. Nach Enteignung und Überführung in Volkseigentum erfolgt am 01.01.1949 die erneute Umfirmierung in EKM Hallesche Pumpenwerke, mit der ehem. Firma Magdeburg & Werther als Abteilung Gießerei. Laut Bestandsauskunft der Firmenunterlagen, die im Landesarchiv Sachsen-Anhalt liegen, ging der Betrieb am »01.07.1951 […] infolge des Zusammenschlusses mit dem EKM Halle-Saale-Werke im daraus neu entstanden EKM Kompressoren- und Pumpenwerke auf, der infolge der Verlagerung der Kompressorenproduktion zur Nagema Maschinenfabrik Halle (Mafa) 1952 per 1. Jan. 1953 in VEB Pumpenwerke Halle umbenannt wurde.«

Mit seiner Frau Marie (1879–unbekannt) und der Familie wohnt Weise in der Händelstraße 16 in Halle – einem Haus, das 1896 von Hans Grisebach (1848–1904), dem Bruder des Sammlers Eberhard Grisebach, erbaut wurde. Als Vorsitzender des Kunstvereins Halle vom 08.03.1908 bis 26.01.1926 pflegt er beste Beziehungen in die Kunst- und Kulturszene seiner Zeit. So erwirbt er im Frühjahr 1919 von Eberhard Grisebach (1880–1945) das Bild »Mädchen auf der Brücke« von Edvard Munch, das Grisebach verkaufen muss, um den Hauserwerb einer Doppelhaushälfte in Jena finanzieren zu können. Es wird ein Rückkaufrecht vereinbart, das aber gemäß der Publikation von Lucius Grisebach nie wahrgenommen wird. In einem Brief vom 27.04.1913 beschreibt Eberhard Grisebach das Haus der Familie Weise mit folgenden Worten: »Sehr erfrischend war am Sonntag früh ein Besuch bei Herrn Weise, dem dortigen Kunstvereinsvorsitzenden. Ein helles schönes Haus, mit großen Räumen, netten Menschen, guten Bildern und Möbeln, reizenden vier kleinen Mädchen, alle in schönen leuchtenden Farben angezogen, das alles war ein sonniger Eindruck, ein rechter Gegensatz zu den häßlichen schwarzen Philosophen…Die Bilder an den Wänden zeigen, daß er sich immer redlich um die Kunst beworben hat, mit Volkmann fängt’s an und mit Munch und Nolde hört’s auf, dazwischen gibt’s Habermanns, Pechstein, Pascin etc. Die Frau kam eben aus St. Moritz, hatte dort Giacomettis Ausstellung gesehen und will gerne ihre Kinder von ihm malen lassen. Die beiden blonden Kleinen von Giacometti, die größeren Dunklen von Amiet. Außerdem baten sie mich sehr, ihnen einen Munch und Hodler zu beschaffen.« Ein im Stadtarchiv Halle überlieferter Briefwechsel mit dem Oberbürgermeister der Stadt, Richard Robert Rive (1864–1947), belegt ebenfalls, dass Felix Weise 1924 bereits als Experte für die Kunst der Expressionisten gilt, denn er wird um Rat gebeten im Zusammenhang mit dem Erwerb von Gemälden aus der Sammlung Rosy und Ludwig Fischer aus Frankfurt am Main für das Museum für Kunst und Kunstgewerbe.
Nach freundlicher Auskunft einer Forscherin zur Sammlung Weise tätigte Weise Erwerbungen für seine Sammlung sowohl »auf Ausstellungen, in Galerien, aus anderen Privatsammlungen und direkt bei Künstlern«. Für das Gemälde »Herbstzeitlose« von Ernst Ludwig Kirchner aus der Sammlung des Buchheim Museums ist z. B. überliefert, dass Weise es von dem Frankfurter Kunsthändler Ludwig Schames (1852–1922) erwirbt, vermutlich aber vorher auf einer Ausstellung in seinen Räumen oder im Erfurter Kunstverein gesehen hatte. Darüber hinaus fungiert er wohl auch als Leihgeber für Ausstellungen des Hallenser Museums, denn der Maler Werner Mayer-Günther (1914–unbekannt), der als Ministerialbeamter im Volksbildungsministerium des Landes Sachsen-Anhalt tätig war, schreibt an den ehemaligen Moritzburger Direktor Gerhard Händler (1906–1982) in Lehrte am 27.06.1949: »[…] Ich selbst habe das Museum seit Deinem Abgang nicht mehr betreten. – Ob Weise seine Leihgaben zurückbekommen hat, weiß ich nicht. Er soll übrigens auch die Ostzone verlassen haben.– Bis zu meinem Abgang wurde das Museum auch nicht wiedereröffnet. […]«

Nach bisherigem Kenntnisstand muss die Bekanntschaft zwischen Lothar-Günther Buchheim und Felix Weise Ende der 1940er-Jahre bzw. um 1950 begonnen haben. Diethild Buchheim (1922–2014) erinnert sich daran, dass sie sich über gemeinsame Freunde, das im Buchhandel tätige Ehepaar Hilde und Kurt Gundermann (Lebensdaten unbekannt), kennenlernen. Die beiden Sammler verbindet ihr vertieftes Interesse für die Kunst der Brücke-Maler bzw. für die Expressionisten. Buchheim pflegt nachweislich ab spätestens 1959 ebenfalls eine Verbindung zu dem Sohn von Weise, Ruprecht Weise, der ab mindestens 1955 in West-Deutschland lebt. Hintergrund für eine Übergabe von Gemälden aus der Sammlung Weise an Buchheim, die dieser zu unterschiedlichen Zeitpunkten und über mehrere Jahre verteilt über die Grenze von Ost- nach Westdeutschland geschmuggelt haben soll, war wohl die Absicht, diese in einer Brücke-Ausstellung zu zeigen. Zu einer solchen Ausstellung kommt es jedoch erst vom 18.06.–26.07.1959 in der Städtischen Galerie München, dem Lenbachhaus, unter dem Titel DIE MALER DER BRÜCKE. SAMMLUNG BUCHHEIM. Darin werden sechs Gemälde ausgestellt, die eine Provenienz zur Sammlung Weise aufweisen.

JL

21.10.21

Literatur

DURCHS DUNKLE DEUTSCHLAND. GERHARD MARCKS – BRIEFWECHSEL 1933 BIS 1980, hrsg. v. Jens Semrau, 1. Aufl., Leipzig: E. A. Seemann Verlag, 1995