Stehender Mann
Karl Röhrig (1886–1972)
1928
Gips, farbig gefasst
Objektmaß 165,0 x 48,0 x 36,0 cm
Sammlung Joseph Hierling im Buchheim Museum der Phantasie
Inventarnummer: 2.00636
Alternativer Titel: Proletarischer Mann
Objekt, Plastik
Sammlungsbereich:
Objekte
Künstler/in: Karl Röhrig
© Rechtsnachfolge des Künstlers; Reproduktion: Bildarchiv Buchheim Museum
Beschreibung
Karl Röhrigs »Stehender Mann« entsteht 1928, in einer Zeit, in der sich die deutsche Bildhauerei zwischen expressivem Pathos und neuer Sachlichkeit neu positioniert. Die lebensgroße, nackt dargestellte Männerfigur steht frontal und aufrecht, beide Arme über den Kopf gelegt – eine Pose, die Spannung im Oberkörper erzeugt und den Blick auf die Plastizität der Muskulatur lenkt. Der Gips dieser Plastik ist farbig gefasst, so dass sie wie aus Terrakotta gefertigt erscheint. Sie ist damit bewusst als eigenständiges Kunstwerk ausgearbeitet und nicht mehr nur zur Vorbereitung einer Gussform konzipiert.Die Plastik ist mit dem Künstlermonogramm »KR« auf dem Sockel signiert. Das Entstehungsjahr 1928 ist zwar nicht durch eine Objektkennzeichnung überliefert, wurde aber durch die während der Herkunftsrecherchen konsultierten Quellen belegt. Denn in der monografischen Schau KARL RÖHRIG UND DIE ANFÄNGE DER PROLETARISCH-REALISTISCHEN PLASTIK IN DEUTSCHLAND, die der Münchner Galerist Richard Hiepe im Januar 1972 in enger Zusammenarbeit mit Röhrig veranstaltet, wird auch diese große Plastik zusammen mit 28 anderen Werken des Bildhauers ausgestellt. Zu der Ausstellung erscheint nicht nur ein Katalog, in dem der »Stehende Mann« abgebildet ist, sondern es existiert auch eine eigenhändige Werkliste des Künstlers, die diese Plastik – als Ausführung in Gips – als erste Position und damit auch für Röhrig wichtigstes Exponat der Ausstellung dokumentiert. Zu diesem Zeitpunkt geht es dem Künstler bereits mehrere Jahre finanziell sehr schlecht. So ist er sehr an einer monografischen Präsentation seines Gesamtwerkes interessiert, finanziert die Schau sogar selbst ohne Unterstützung Dritter. Verarmt verstirbt er kurz nach der Ausstellung im August 1972.
In einem Typoskript eines Briefes vom 20.11.1972 an die damalige Staatliche Galerie Moritzburg in Halle verweist der Münchner Galerist Richard Hiepe (1930–1998) darauf, dass Röhrigs Erben ihn als Nachlassverwalter eingesetzt haben und erkundigt sich nach Möglichkeiten für eine Ausstellung von Röhrigs künstlerischem Nachlass. Er schreibt weiter, dass »es Röhrigs ausdrücklicher Wunsch gewesen [sei], einer führenden Sammlung der DDR seine wichtigen realistischen Plastiken zu stiften.« Als einziges Werk erwähnt Hiepe genau diese Plastik als »Gipsfigur des Stehenden Mannes«, da die Arbeit aufgrund ihrer Höhe von 165 cm im Falle eines Transports eine extra angefertigte Kiste benötigen würde. Zu einer Umsetzung der Ausstellung und Stiftung kommt es trotz Hiepes Angebots einer möglichen Zustiftung jedoch offenbar nicht. Die kulturpolitischen Ausrichtungen der damaligen DDR und BRD dürften zu diesem Zeitpunkt wohl zu verschieden, gar unvereinbar gewesen sein, auch wenn Röhrigs politisch-linke Überzeugung und sein Geburtsort Eisfeld in Thüringen für eine Zusammenarbeit gesprochen hätten. Sachspezifische Quellen, die diese Annahme oder andere Details zum Vorgang belegen würden, haben sich im Archiv des Kunstmuseums Moritzburg nach freundlicher Auskunft einer Mitarbeiterin nicht erhalten. Im Nachlass des Galeristen Hiepe, der sich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin befindet, gibt es nach Prüfung der dortigen Mitarbeiterinnen keine Unterlagen zu Karl Röhrigs Werk. Wir bedanken uns auch dort für die kollegiale Zusammenarbeit.
Hiepe lässt wohl auch von dieser Plastik mindestens einen postumen Bronzeguss anfertigen, den er zusammen mit der Bronzeplastik »Schwangeren Frau« (vgl. Inv. 2.00643) und der Eichenholzskulptur »Zwei Männer« als Leihgabe für die Ausstellung REVOLUTION UND REALISMUS. REVOLUTIONÄRE KUNST IN DEUTSCHLAND 1917 BIS 1933, die über den Jahreswechsel 1978/1979 im Alten Museum in Berlin stattfindet, zur Verfügung stellt.
Der Sammler Joseph Hierling erinnert sich nicht mehr an den genauen Erwerbungszeitpunkt, zu dem er diese unikale Gips-Plastik des »Stehenden Mannes« von Hiepe erwirbt. Sein Ausstellungsbesuch von Röhrigs Schau in der Neuen Münchner Galerie Dr. Hiepe & Co GmbH im Januar 1972 sowie die persönliche Begegnung mit dem Künstler sind ihm jedoch in lebhafter Erinnerung geblieben. Nicht zuletzt wirkt diese so nach, dass er – Jahre später, als er die finanziellen Mittel hat – beginnt, Röhrigs Werke sukzessive zu sammeln.
Die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 durch den Verbleib der Plastik in Künstlerbesitz rekonstruierbar und unbedenklich. Sie schließt einen NS-verfolgungsbedingten Hintergrund aus, die Provenienz ist lückenlos, eine weitere Überprüfung ist nicht notwendig.
JL
28.01.2026
Beschriftungen
Standplatte hinten r. signiert (eingeritzt): KRProvenienz
1972–o. J.: Neue Münchner Galerie Dr. Hiepe, München, erworben aus Künstlerbesitz in Kommission und als Nachlassverwalterfrüh. 1974/vor 2011–2024: Joseph Hierling (geb. 1942), Tutzing, erworben aus dem Künstlernachlass von der Neuen Münchner Galerie Dr. Hiepe, München
27.06.2024: Buchheim Stiftung, Feldafing/Bernried, als Schenkung erhalten von Joseph Hierling (geb. 1942), Tutzing
seit 27.06.2024: Buchheim Stiftung, Bernried, erworben als Schenkung aus der Sammlung Joseph Hierling
JL
17.11.2025
Ausstellungen
WAHRHEITSMALEREI. SAMMLUNG HIERLING, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 30.05.2020–18.10.2020Literatur
KARL RÖHRIG (1886–1972). KLEINE LEUTE. KARL RÖHRIG UND DIE AVANTGARDE DER SKULPTUR IN DEUTSCHLAND VON BARLACH BIS VOLL, hrsg. v. Erich Schneider, Ausst.-Kat. Kunsthalle Schweinfurt (15.07.–03.10.2011); Von der Heydt-Museum Wuppertal (01.04.–17.06.2012), 2011, Abb. S. 44Ingrid von der Dollen, Rainer Zimmermann, Gerhard Finckh: DIE SAMMLUNG JOSEPH HIERLING. EXPRESSIVER REALISMUS, Ausst.-Kat. Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt, 2009 [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009, hrsg. v. Erich Schneider], Kat. Nr. 253, Abb. S. 265, Erw. S. 265
KARL RÖHRIG. 1886–1972: EIN LEBEN ZWISCHEN KUNSTGEWERBE UND ZEITKRITIK, Ausst.-Kat. Münchner Stadtmuseum, München (28.05.–29.08.1982), München: Stadtmuseum, 1982, Kat. Nr. 118, Abb. S. 44, Erw. S. 44
DIE ZWANZIGER JAHRE IN MÜNCHEN, hrsg. v. Christoph Stölzl, m. Texten v. Klaus Schumann, Friedrich Prinz, Klaus Greiner, Gabriele Whetten-Indra, Winfried Ranke, Detta Petzet, Winfried Nerdinger, Michael Koch, Karl Heinz Meißner, Helga Schmoll gen. Eisenwerth, Gerhard Finckh, Martha Dreesbach, Volker Duvigneau, Philipp Luidl, Andreas Ley, Ausst.-Kat. Münchner Stadtmuseum (05–09/1979)
REVOLUTION UND REALISMUS. REVOLUTIONÄRE KUNST IN DEUTSCHLAND 1917 BIS 1933. ZUM 50. JAHRESTAG DER GRÜNDUNG DER ASSOZIATION REVOLUTIONÄRER BILDENDER KÜNSTLER DEUTSCHLANDS, hrsg. v. Staatlichen Museen zu Berlin, National-Galerie, Ausst.-Kat. Altes Museum, Berlin (08.11.1978-25.02.1979), Berlin, 1978, Kat. Nr. 622
Christian Schaffernicht: »Karl Röhrig (1886–1972) – ein proletarisch realistischer Plastiker««, in: BILDENDE KUNST, 22, S. 86–88, Kat. Nr. 3, Abb. S. 87
Richard Hiepe: KARL RÖHRIG UND DIE ANFÄNGE DER PROLETARISCH-REALISTISCHEN PLASTIK IN DEUTSCHLAND, Ausst.-Kat. Neue Münchner Galerie, München (01/1972), 1972, Abb. S. o. S., Erw. S. o. Angabe
KOLLEKTIV-AUSSTELLUNG KARL RÖHRIG, Pavillon Alter Botanischer Garten, München (01.–18.10.1953), Kat. Nr. 4, Abb. S. o. S.
KUNSTAUSSTELLUNG MÜNCHEN 1931, Ausst.-Kat. Deutsches Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik, München (1931), München: Knorr & Hirth GmbH, 1931, Kat. Nr. 2214, Erw. S. 68

