Mutter mit Kind
Karl Röhrig (1886–1972)
1932
Bronze
Objektmaß 64,5 x 25,0 x 26,0 cm
Sammlung Joseph Hierling im Buchheim Museum der Phantasie
Inventarnummer: 2.00638
Alternativer Titel: Mother and Child
Objekt, Plastik
Sammlungsbereich:
Objekte
Künstler/in: Karl Röhrig
© Rechtsnachfolge des Künstlers; Foto: Waldemar Rejmer/Buchheim Museum
Beschreibung
In dieser Bronzeplastik stellt der Bildhauer Karl Röhrig eine Mutter-Kind-Beziehung in gestisch reduzierter und emotional klarer Form dar. Mutter und Kind stehen voreinander, ihre Körper sind einander zugedreht. Blickkontakt haben sie aber nicht. Das Kleinkind presst seinen Körper schutzsuchend an den der Mutter, hält sich mit einem Arm an ihrem fest oder zieht an ihm, um die Aufmerksamkeit der Mutter auf sich zu lenken. Denn diese hat gedankenverloren ihren Blick in den Himmel gerichtet und ist mit dem Gestus des an die Wange gelegten Zeigefingers als Nachsinnende akzentuiert.Röhrig hat in dieser Figurengruppe sowohl eine archetypische familiäre Bindung als auch eine künstlerische Auseinandersetzung mit Körper und Haltung umgesetzt – Themen, die ihn zeitlebens beschäftigen und in allen Werken, die er als freischaffender Künstler schafft, sichtbar werden. Diese Darstellung lässt sich vor dem Hintergrund von Röhrigs Ausbildung zum Porzellan- und Modellierkünstler sowie seiner späteren skulpturalen Linien im realistisch-veristischen Umfeld verorten, die bewusst abrückt von einer tradiert-christlichen Darstellungsform von Mutter und Kind als »Madonna mit Jesusknaben«.
Der Sammler Joseph Hierling (* 1942) hat diese Bronzeplastik laut eigener freundlicher Auskunft von dem Münchner Galeristen Richard Hiepe (1930–1998) erworben, erinnert sich aber nicht mehr an den genauen Zeitpunkt. Entsprechende Erwerbungsunterlagen liegen uns nicht vor. Grundsätzlich lässt sich zeitlich hierzu aber festhalten, dass Hierling sowohl den Künstler persönlich als auch dessen Bildwerk erstmalig im Januar 1972 in dessen Schau KARL RÖHRIG UND DIE ANFÄNGE DER PROLETARISCH-REALISTISCHEN PLASTIK IN DEUTSCHLAND in den Räumen der Galerie Dr. Hiepe & Co kennenlernt. Erst ab 1974 beginnt er Werke von Röhrig für seine Sammlung anzukaufen.
Außer einem bedruckten Sammlungsetikett zur Sammlung Joseph Hierling befinden sich auf »Mutter mit Kind« keine Etiketten. Die Plastik ist auch nicht signiert oder monogrammiert. Es gibt keine Stempelabdrücke im Guss. In den Nachlassunterlagen Röhrigs, die sich im Stadtarchiv München befinden, gibt es nur vereinzelte Werkangaben und keine Dokumentation zu dem gesamten Oeuvre wie ein Verzeichnis oder Werkstattbuch, aus der die Anzahl der Güsse hervorginge. Gesichert ist, dass »Mutter mit Kind« weder in Röhrigs Kollektivausstellung im Oktober 1953 im Alten Botanischen Garten in München noch in der bereits erwähnten Schau in der Galerie Hiepe im Januar 1972 ausgestellt wurde. Es ist sogar wahrscheinlich, dass dieser Guss – wie auch der Bronzeguss von »Zwei Boxer« von Karl Röhrig (Inv. 2.00637) – postum in den 1980er-Jahren auf Veranlassung von Röhrigs Nachlassverwalter Richard Hiepe gefertigt wurde. Im Nachlass des Galeristen Hiepe, der sich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin befindet, gibt es nach Prüfung der dortigen Mitarbeiterinnen keine Unterlagen zu Karl Röhrigs Werk. Wir bedanken uns für die entsprechende Auskunft.
Da der Entstehungszeitpunkt des Bronzegusses nicht eindeutig rekonstruierbar ist, ergeben sich nachfolgende Schlussfolgerungen: Es ist nicht auszuschließen, dass es eine Provenienzlücke zwischen 1933 und 1945 gibt. Jedoch deutet alles darauf hin, dass »Mutter mit Kind« – sollte der Guss zu Lebzeiten Röhrigs gefertigt worden sein – bis 1972 in Künstlerbesitz verbleibt. Möglich wäre auch, dass es sich um einen Bronzeguss handelt, der postum entstanden ist. Die Herkunft kann bei Gelegenheit weiter erforscht werden.
Wir bedanken uns für weiterführende Hinweise.
JL
28.01.2026
Beschriftungen
unten Klebeetikett): Karl Röhrig / »Mutter und Kind« 1932 / Bronze Höhe 67 cm / SAMMLUNG JOSEPH HIERLINGProvenienz
[...] ?o. J.–früh. 1972/1980er-Jahre: Neue Münchner Galerie Dr. Hiepe, München, ob als Eigentum oder Kommissionsware oder als postumer Guss in Auftrag gegeben, ist derzeit ungeklärt.
früh. 1974/1980er-Jahre–11.06.2021: Joseph Hierling (geb. 1942), Tutzing, erworben von der Neuen Münchner Galerie Dr. Hiepe, München
seit 11.06.2021: Buchheim Stiftung, Feldafing/Bernried, erworben durch Zustiftung aus der Sammlung Joseph Hierling
JL
28.01.2026
Ausstellungen
AUSGESUCHT. WEITERE WERKE AUS DER SAMMLUNG, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 15.11.2025–15.03.2026Literatur
Ingrid von der Dollen: MENSCH UND MYTHOS. WALTER BECKER UND DIE KUNST DER »VERSCHOLLENEN GENERATION«, Ausst.-Kat. Zitadelle, Berlin-Spandau (06.02.–12.04.2015); Kunsthalle Schweinfurt (02.10.2015–28.03.2016), Abb. S. 27KARL RÖHRIG (1886–1972). KLEINE LEUTE. KARL RÖHRIG UND DIE AVANTGARDE DER SKULPTUR IN DEUTSCHLAND VON BARLACH BIS VOLL, hrsg. v. Erich Schneider, Ausst.-Kat. Kunsthalle Schweinfurt (15.07.–03.10.2011); Von der Heydt-Museum Wuppertal (01.04.–17.06.2012), 2011, Abb. S. 55
KARL RÖHRIG. 1886–1972: EIN LEBEN ZWISCHEN KUNSTGEWERBE UND ZEITKRITIK, Ausst.-Kat. Münchner Stadtmuseum, München (28.05.–29.08.1982), München: Stadtmuseum, 1982, Kat. Nr. 137, Abb. S. 51, Erw. S. 49

