Paul Kleinschmidt (1883–1949)

Paul Willy Karl Kleinschmidt



aus: PAUL KLEINSCHMIDT. GEMÄLDE AUS DER SAMMLUNG DEYHLE, Ostfildern 1997, S. 160 (Paul Kleinschmidt Archiv, Tübingen)


Paul Kleinschmidt wird in Bublitz in Pommern, heute Bobolice, als Sohn des Direktors einer Wanderbühne und einer Schauspielerin auf einer Tournee geboren. 1892 zieht die Familie nach Halle, wo der Vater Direktor des Nationaltheaters wird. Zwei Jahre später wechseln sie nach Berlin. Paul Kleinschmidt interessiert sich nicht für das Metier seiner Eltern. Er will Maler werden und erschleicht sich einen Atelierbesuch bei Adolph von Menzel (1815–1905). Von 1902–1904 studiert er an der Berliner Akademie beim Historienmaler Anton von Werner (1843–1915). Der Akademismus stößt ihn ab. Doch er trifft Lovis Corinth (1858–1925), der ihn als Maler und Mensch tief beeindruckt und von dem er auf seinem künstlerischen Weg bestärkt wird. Das Studium setzt Kleinschmidt in München bei Heinrich von Zügel (1850–1941) und Peter von Halm (1854–1923) fort. 1906 kehrt er nach Berlin zurück und lebt als freier Künstler.

1909 beteiligt sich Kleinschmidt an der Ausstellung der »Berliner Secession« und lernt Julius Meier-Graefe (1867–1935) kennen, der zu seinem Förderer wird. 1914 wird Kleinschmidt zum Kriegsdienst eingezogen und dient als Feuerwerker in der Etappe. Nach einer Gasverletzung und anschließendem Sanatoriumsaufenthalt wird er 1915 entlassen. Nach dem Krieg ist Kleinschmidt als Maschinenzeichner und Zeichenlehrer tätig.

1923 zeigt der Euphorion-Verlag in Berlin, in dem auch bereits druckgrafische Blätter des Künstlers erschienen waren, eine Einzelausstellung von Kleinschmidt. Zwei Jahre später sind seine Werke in der Galerie Fritz Gurlitt zu sehen. Der Galerist, Wolfgang Gurlitt (1888–1965), bietet ihm einen Vertrag an, doch Kleinschmidt will unabhängig bleiben und lehnt ab. Auch die Galerie Flechtheim präsentiert seine Kunst. Die Ausstellungen bringen ihn mit Sammlern in Kontakt. 1927 reist er auf Einladung der Ulmer Fabrikanten Martin und Wilhelm Bilger (Lebensdaten unbekannt) nach Süddeutschland. Der New Yorker Sammler Erich Cohn (Lebensdaten unbekannt) bietet ihm sein Mäzenatentum an und besucht den Künstler noch im selben Jahr im Atelier. Curt Glaser (1879–1943), Direktor der Berliner Kunstbibliothek schreibt begeisterte Artikel über ihn. Ende der 1920er- und zu Beginn der 1930er-Jahre reist Kleinschmidt wiederholt nach Südfrankreich.

1932 zieht der Maler nach Süddeutschland. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten beginnen für Kleinschmidt, der sich mit ihrer Politik nicht anfreunden kann, Repressionen. Aus Anlass einer Einzelausstellung am Art Institute of Chicago und im Museum of Art in Philadelphia 1933/34 reist Kleinschmidt in die USA und besucht Erich Cohn. Er trifft George Grosz (1893–1959) und überlegt kurzzeitig eine Emigration in die USA. In Deutschland verstärkt sich der Druck. Die Gestapo beschlagnahmt und vernichtet die in Berlin zurückgelassenen Bilder des Künstlers. 1936 reist Kleinschmidt nach Basel und bittet um Asyl. Die Schweiz weist ihn jedoch aus, und er zieht nach Laren in die Niederlande. Im Rahmen der Aktion »Entartete Kunst« werden 63 seiner Werke konfisziert und einige auf der gleichnamigen Wanderausstellung gezeigt. 1938 zieht Kleinschmidt nach La Varenne bei Paris. 1940 wird der Künstler als Deutscher in verschiedenen Lagern interniert. Nach der französischen Kapitulation wird er freigelassen und kehrt zunächst nach La Varenne zurück. Bald darauf verlässt er den Großraum Paris und zieht nach Lorient in der Bretagne, nachdem die Polizei kompromittierende Papiere gefunden hatte. 1942 findet Kleinschmidt ein Atelier in Chartres, wird jedoch mit einem Malverbot belegt und im Folgejahr vom Sicherheitsdienst zwangsrepatriiert.

Kleinschmidt findet in Bensheim an der Bergstraße Unterkunft, steht jedoch weiterhin unter Malverbot. Viele seiner an verschiedenen Stellen gelagerten Werke werden durch Bomben vernichtet. Nach dem Krieg beginnt Kleinschmidt wieder zu malen, ausstellen will er jedoch nicht mehr. Seit 1940 an Angina pectoris erkrankt, macht ihm seine Gesundheit mehr und mehr zu schaffen. 1949 besucht ihn Erich Cohn mit seiner Frau Helene (Lebensdaten unbekannt). Kurz darauf stirbt Kleinschmidt an Herzversagen.

RK

10.12.2021
PAUL KLEINSCHMIDT. GEDÄCHTNISAUSSTELLUNG. 1883–1949, hrsg. v. im Auftrag der Stadtverwaltung Ulm, m. e. Text v. Kurt Leonhard, Ausst.- Kat. [Ulmer Museum, 1951]

Barbara Lipps-Kant: PAUL KLEINSCHMIDT 1883–1949, Bd. 2, Tübingen, 1977 (Diss. Eberhard-Karls-Universität Tübingen)

Barbara Lipps-Kant: PAUL KLEINSCHMIDT 1883–1949, Bd. 2, Tübingen, 1977 (Diss. Eberhard-Karls-Universität Tübingen)

PAUL KLEINSCHMIDT 1883–1949, m. Texten von Erwin Treu, Barbara Lipps-Kant, Maria Salzmann-Kleinschmidt, Kurt Leonhard, Ausst.-Kat. Ulmer Museum (30.04.–11.06.1978)

PAUL KLEINSCHMIDT 1883–1949. GEMÄLDE, AQUARELLE, ZEICHNUNGEN UND DRUCKGRAPHIK, m. Texten von Eugen Keuerleber, Maria Salzmann-Kleinschmidt, Julius Meier-Graefe, Curt Glaser, H. Post, Kurt Leonhard, George Grosz, Rudolf Daudert, Paul Kleinschmidt, Barbara Lipps-Kant, Ausst.-Kat. Galerie der Stadt Stuttgart (26.03.–22.05.1983); Ostdeutsche Galerie Regensburg (16.06.–28.08.1983), 1983

DIE DAMEN DES PAUL KLEINSCHMIDT (1883–1949), m. e. Text v. Dorothea Baumer, Ausst.-Kat. Galerie Klewan, München (02.12.1983–23.02.1984); Kunstforum Heilbronn, 1984

Günther Wirth: PAUL KLEINSCHMIDT, hrsg. v. Paul Kleinschmidt Gesellschaft e. V., m. e. Biografie v. Maria Salzmann-KleinschmidtUlm, Stuttgart: Verlag Gerd Hatje, 1988

PAUL KLEINSCHMIDT. GEMÄLDE AUS DER SAMMLUNG DEYHLE, m. Texten von Klaus Gallwitz, Andreas Hüneke, Barbara Lipps-Kant, Julius Meier-Graefe, Ausst.-Kat. Kunsthalle Tübingen (31.05.–27.07.1997); Von der Heydt-Museum, Wuppertal (12.10.–23.11.1997); Staatliche Kunstsammlung Dresden, Albertinum (18.01.–14.03.1998); Goethe-Institut, New York (20.05.–03.07.1998); Goethe-Institut, Washington (25.08.–02.10.1998); Desert Museum, Palm Springs (21.10.1998–31.01.1999), Ostfildern: Verlag Gerd Hatje, 1997

Ingrid von der Dollen: PAUL KLEINSCHMIDT. HINTER DEN KULISSEN, hrsg. v. Erich Schneider, Ausst.-Kat. Kunsthalle Schweinfurt (19.10.2012–06.01.2013) [Schweinfurter Museumsschriften 194/2012]

Weitere Künstler