Wassily Kandinsky (1866–1944)

Василий Васильевич Кандинский



Foto: Hugo Erfurth; Abzug: Köln, Museum Ludwig, Sammlung Fotografie, Inv.-Nr. FH 01703; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d042245, https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05239270


Wassily Kandinsky wird als Sohn eines Teehändlers in Moskau geboren. Als er fünf ist, zieht die Familie nach Odessa ans Schwarze Meer. Für Kandinsky bleibt Moskau aber immer seine Heimatstadt. So kehrt er 1886 dorthin zurück, um Jura und Nationalökonomie zu studieren. Nach seinem Abschluss ist er an der Universität tätig. Auf einer Ausstellung sieht Kandinsky 1895 erstmals ein Gemälde von Claude Monet (1840–1926), was ihn tief beeindruckt und ihn einen anderen Lebensweg einschlagen lässt. Einen Ruf an die Universität Dorpat, heute Tartu/Estland, lehnt er ab und geht stattdessen 1896 nach München, um Kunst zu studieren.

In München schreibt er sich zunächst an der privaten Malschule von Anton Ažbe (1862–1905) ein und lernt seine Landsleute Alexej von Jawlensky (1865–1941) und Marianne von Werefkin (1860–1938) kennen. Nach zwei Jahren bewirbt er sich an der Akademie der bildenden Künste für die Klasse von Franz von Stuck, wird aber abgelehnt. Ein zweiter Versuch 1900 ist erfolgreich. 1901 gründet Kandinsky u. a. gemeinsam mit Rolf Niczky (1881–1950) und Hermann Obrist (1862–1927) die Künstlergruppe »Phalanx«, die auch eine Malschule betreibt, an der Kandinsky lehrt und wo Gabriele Münter (1877–1962) seine Schülerin ist. Der seit zehn Jahren mit seiner Cousine verheiratete Kandinsky beginnt mit Münter eine Liebesbeziehung.

Von München aus unternimmt das Paar viele Reisen, u. a. in die Niederlande, nach Nordafrika, Italien und Frankreich, aber auch ins bayerische Voralpenland. Hier, in Murnau am Staffelsee, erwirbt Gabriele Münter 1909 eine Villa, die zu ihrem Rückzugsort, gleichzeitig aber auch zum Treffpunkt mit engen Freunden wird. Im selben Jahr gründen Werefkin und Jawlensky gemeinsam mit Kandinsky, Münter, weiteren Künstlern und Sammlern den Ausstellungsverein »Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.)«. Presse und Öffentlichkeit verreißen die Präsentationen, die in der Modernen Galerie Heinrich Thannhauser stattfinden und neben der Kunst der Mitglieder auch Werke eingeladener französischer und russischer Künstler zeigen. Franz Marc (1880–1916), der 1910 die zweite Ausstellung besucht, fühlt sich aufgrund der allgemeinen Verhöhnung zu einer enthusiastischen Erwiderung herausgefordert und kommt so in Kontakt mit den Mitgliedern der Vereinigung. Mit Kandinsky beginnt eine intensive Freundschaft.

Im Sommer 1911 schlägt Kandinsky Marc die gemeinsame Herausgabe eines Almanachs unter dem Titel DER BLAUE REITER vor. Als Ende des Jahres für die dritte Ausstellung der N.K.V.M. ein Werk von Kandinsky abgelehnt wird, treten er, Marc, Münter, Jawlensky und Werefkin aus der N.K.V.M. aus und initiieren parallel zu deren Ausstellung ebenfalls in der Galerie Thannhauser eine Gegenschau unter dem Titel ERSTE AUSSTELLUNG DER REDAKTION DER BLAUE REITER. Der Almanach, in dem verschiedenste Künstler zu Wort kommen und mit ihren Werken vorgestellt werden, der gleichzeitig aber auch außereuropäische Kunst, Volkskunst und Kinderzeichnungen präsentiert, erscheint 1912 im Piper Verlag München. Dieser hatte kurz vorher auch Kandinskys Schrift ÜBER DAS GEISTIGE IN DER KUNST veröffentlicht. Viele weitere kunsttheoretische Abhandlungen wird Kandinsky über die Jahre publizieren. 1913 nimmt Kandinsky an der ARMORY SHOW in New York teil, wodurch sich ihm ein amerikanischer Sammlerkreis erschließt. Im selben Jahr zeigt er mehrere Gemälde im ERSTEN DEUTSCHEN HERBSTSALON der Galerie Der Sturm von Herwarth Walden (1878–1941), der auch seine kunsthändlerische Vertretung übernimmt.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, gilt Kandinsky als feindlicher Ausländer und muss Deutschland verlassen. Seine Werke bleiben in München und Murnau bei Gabriele Münter bzw. bei Herwarth Walden (1878–1941) in Berlin, während er über die Schweiz nach Russland zurückkehrt. Der Kontakt zur dortigen Kunstszene war nie abgerissen, auch in Russland hat Kandinsky immer wieder ausgestellt, so z. B. mit der Künstlergemeinschaft »Karo Bube«. Außerdem besitzt er in Moskau ein Haus und Grund, der Neuanfang in der Heimat fällt daher nicht schwer. Münter zieht nach Schweden, um auf neutralem Boden ihr Leben mit Kandinsky fortsetzen zu können. Sie engagiert sich erfolgreich für gemeinsame Ausstellungsmöglichkeiten, so bei Waldens schwedischem Geschäftspartner Gummesons Konsthandel in Stockholm. Kandinsky erklärt sich zwar mit der Ausstellung einverstanden, bleibt aber in Russland, wo er mittlerweile Nina Andrejewskaja (1896–1980) kennengelernt hat, die er – seit 1911 von seiner ersten Frau geschieden – 1917 heiratet.

Im Oktober 1917 siegt in Russland die sozialistische Revolution, in deren Folge die Zarenfamilie ermordet und das gesamte Gesellschaftssystem über den Haufen geworfen wird. Auch Kandinsky wird enteignet und verliert alle seine Besitztümer. Er engagiert sich aber in den neuen Gremien, wirkt als Leiter des Staatlichen Museums für Malkultur an der Neuverteilung der vielen beschlagnahmten Kunstwerke mit und wird Professor an den staatlichen Kunstschulen, später an der Universität in Moskau. Als ihm von Walter Gropius (1883–1969) eine Anstellung am Bauhaus angeboten wird, verlässt er 1921 die Sowjetunion und übernimmt 1922 in Weimar die Leitung der Werkstatt für Wandmalerei. Mit der Kunstschule zieht er 1925 nach Dessau und 1932 schließlich nach Berlin.

1924 gründet die deutsch-amerikanische Künstlerin, Kunsthändlerin und Malerin Galka Scheyer (1889–1945) die Ausstellungsgemeinschaft »Die Blaue Vier«. Sie will den vier Malern Wassily Kandinsky, Alexej Jawlensky, Paul Klee (1879–1940) und Lyonel Feininger (1871–1956) damit eine gemeinsame Plattform eröffnen. Erfolgreich vermittelt sie insbesondere in den USA Verkäufe in namhafte Sammlungen.

1928 nimmt Kandinsky die deutsche Staatsbürgerschaft an. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Schließung des Bauhauses, siedelt er jedoch nach Neuilly-sur-Seine bei Paris über. 1935 erhält Kandinsky auf Betreiben seines ehemaligen Bauhauskollegen Josef Albers (1888–1976), der am Black Mountain College in North Carolina lehrt, die Möglichkeit in die USA überzusiedeln. Kandinsky lehnt ab und bleibt in Frankreich. Mehr als 250 seiner Werke werden 1937 in deutschen Museen im Zuge der Aktion »Entartete Kunst« beschlagnahmt. Als er für die Neubeantragung seines deutschen Passes einen Ariernachweis erbringen soll, verzichtet Kandinsky auf eine Erneuerung der Ausweispapiere. Mit Hilfe französischer Freunde kann er 1939 die französische Staatsbürgerschaft erlangen. 1941 ergibt sich auf Betreiben des Emergency Rescue Committees erneut die Möglichkeit zur Emigration in die USA, was Kandinsky aber erneut ausschlägt. Er stirbt 1944 in Neuilly-sur-Seine.

Während Herwarth Walden die bei ihm verbliebenen Werke in Kandinskys Abwesenheit und entgegen dessen ausdrücklichem Wunsch veräußerte, bewahrte Gabriele Münter Kandinskys in München und Murnau zurückgelassenes Oeuvre sowie die von ihm gesammelten Kunstwerke. Mit Kandinskys Rückkehr nach Deutschland versuchte dieser, all das wiederzubekommen, was Münter, die alles zusammengehalten und auf eigene Kosten gelagert hatte und von Kandinsky verlassen worden war, zu verhindern suchte. Nach langen rechtlichen Auseinandersetzungen verblieben die meisten Stücke in Münters Eigentum. Als Stiftung anlässlich ihres 80. Geburtstages vermachte sie 90 Gemälde, 276 Aquarelle und Zeichnungen, außerdem fast die gesamte Druckgrafik Kandinskys, seine Hinterglasbilder und Skizzenbücher, ein ähnlich großes Konvolut eigener Werke, Bilder der befreundeten Künstler und vieles mehr dem Münchner Lenbachhaus, das damit von einem städtischen Regionalmuseum zu einem Haus von internationalem Rang wurde und heute die weltgrößte Sammlung der Kunst des »Blauen Reiter« besitzt. Einer der größten privaten Sammler von Kandinskys Kunst war Solomon R. Guggenheim (1861–1949). Obwohl 1964 fünfzig Gemälde Kandinskys aus seiner Sammlung bei Sotheby & Co. in London versteigert wurden, gehören heute noch immer mehr als 150 Werke zur Sammlung des Guggenheim Museums in New York.

RK

25.01.2022

Ausstellungen

DIE NEUE SECESSION BERLIN. IV. AUSSTELLUNG. GEMÄLDE, Neue Secession, Berlin, 18.11.1911–31.01.1912

DIE NEUE SECESSION BERLIN. V. AUSSTELLUNG. ZEICHNENDE KÜNSTE. PLASTIK, Neue Secession, Berlin, 09.03.1912–?

DER DEUTSCHE EXPRESSIONISMUS – ドイツ表現派展, Seibu-Warenhaus, Tokio, 13.04.1963–14.05.1963

DER DEUTSCHE EXPRESSIONISMUS. SAMMLUNG BUCHHEIM – ブーフハイム・コレクションによる ドイツ表現派展, Museum für Moderne Kunst der Präfektur Kanagawa, Kamakura, 07.04.1984–06.05.1984

EIN FEST FÜRS AUGE. BUCHHEIMS EXPRESSIONISTEN, Kunsthalle Emden Stiftung Henri und Eske Nannen, Emden, 26.09.2015–17.01.2016

Literatur

IM KAMPF UM DIE KUNST. DIE ANTWORT AUF DEN »PROTEST DEUTSCHER KÜNSTLER«. MIT BEITRÄGEN DEUTSCHER KÜNSTLER, GALERIELEITER, SAMMLER UND SCHRIFTSTELLER, München: R. Piper & Co. Verlag, 1911, S. 73

Wassily Kandinsky: ÜBER DAS GEISTIGE IN DER KUNST. INSBESONDERE IN DER MALEREI, München: R. Piper & Co. Verlag, 1912

Wassily Kandinsky: »Über die Formfrage«, »Über Bühnenkomposition«, »Der Gelbe Klang. Eine Bühnenkomposition«, in: DER BLAUE REITER, hrsg. v. Wassily Kandinsky u. Franz Marc, München: Piper & Co. Verlag, 1912, S. 74–100, 103–113, 115

W[assily] Kandinsky: »Selbstcharakteristik«, Herbert Kühn: »Kandinsky«, in: DAS KUNSTBLATT, hrsg. v. Paul Westheim, Potsdam, Berlin: Gustav Kiepenheuer Verlag, 3. Jg., H. 6 (06/1919), S. 172–177, 178–183

»Ein neuer Naturalismus? Eine Umfrage des Kunstblattes«, in: DAS KUNSTBLATT, hrsg. v. Paul Westheim, Potsdam, Berlin: Verlag Gustav Kiepenheuer, 6. Jg., H. 9 (09/1922), S. 384–387

Fannina W. Halle: »Dessau: Burgkühnauer Allee 6–7 (Kandinsky und Klee)«, in: DAS KUNSTBLATT. MONATSSCHRIFT FÜR KÜNSTLERISCHE ENTWICKLUNG IN MALEREI, SKULPTUR, ARCHITEKTUR UND KUNSTHANDWERK, hrsg. v. Paul Westheim, Berlin: Hermann Reckendorf, 13. Jg., H. 7 (07/1929), S. 203–210

Max Bill: WASSILY KANDINSKY, m. Texten v. Jean Arp, Charles Estienne, Carola Giedeon-Welcker, Will Grohmann, Ludwig Grote, Nina Kandinsky, Alberto Magnelli, Paris: Maeght Editeur, 1951

Hans Konrad Roethel: KANDINSKY. DAS GRAPHISCHE WERK, Köln: Verlag M. DuMont Schauberg, 1970

WASSILY KANDINSKY 1866–1944, m. Texten v. Thomas M. Messer, Ausst.-Kat. Haus der Kunst, München (13.11.1976–30.01.1977)

Hans Konrad Roethel: KANDINSKY, München, Zürich: Piper & Co. Verlag, 1982

Vivian Endicott Barnett: DAS BUNTE LEBEN. WASSILY KANDINSKY IM LENBACHHAUS, hrsg. v. Helmut Friedel, m. e. Text v. Rudolf H. Wackernagel, Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München (29.11.1995–10.03.1996), Köln: DuMont Buchverlag, 1995

KANDINSKY. ABSOLUT ABSTRAKT, hrsg. v. Helmut Friedel, m. Texten v. Vivian E. Barnett, Tracey Bashkoff, Christian Derouet, Matthias Haldemann, Annegret Hoberg, Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München (25.10.2008–22.02.2009); Centre Pompidou, Paris (08.04.–10.08.2009); Solomon R. Guggenheim Museum, New York (18.09.2009–10.01.2010), München, Berlin, London, New York: Prestel, 2008

DER BLAUE REITER IM LENBACHHAUS MÜNCHEN, hrsg. v. Helmut Friedel u. Annegret Hoberg, m. Texten v. Helmut Friedel, Annegret Hoberg, 2. Aufl., München, London, New York: Prestel Verlag, 2014

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