Christian Rohlfs (1849–1938)

Christian Friedrich Rohlfs



Foto: Hugo Erfurth; Abzug: Köln, Museum Ludwig, Sammlung Fotografie, Inv.-Nr. FH 01220; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d042364, https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05239340


Christian Rohlfs wächst in bäuerlichen Verhältnissen auf. Sein Vater ist Analphabet und arbeitet als Landarbeiter. Kurz nach Rohlfs Geburt erwerben die Eltern einen kleinen Hof im benachbarten Fredesdorf. Er besucht im Winter die einklassige Dorfschule, im Sommer hütet er Kühe. Nach geltendem Erbrecht ist er als Jüngster der Erbe des Hofes. Mit 15 Jahren erleidet Rohlfs einen Unfall, er stürzt von einem Apfelbaum. Die Verletzung des rechten Beins bleibt lang unbehandelt, als schließlich ein Landarzt hinzugezogen wird, soll es amputiert werden. Um dies zu verhindern, wenden sich die Eltern an den Arzt in der Kreisstadt Segeberg, Ernst Stolle (Lebensdaten unbekannt), ein Schwager Theodor Storms (1817–1888) und Großonkel des Augenarztes und Kunstsammlers Max Linde (1862–1940). Dieser kuriert den Jungen mit einer Behandlung, die ihn zwei Jahre ans Bett fesselt. Rohlfs liest in dieser Zeit viel und zeichnet. Stolle besorgt ihm Neustrelitzer Bilderbogen und Malutensilien. Nach der Genesung darf Rohlfs die Schule in Segeberg besuchen, da klar ist, dass er nie als Landwirt wird arbeiten können und somit als Hoferbe nicht mehr infrage kommt. Bei einem Dekorationsmaler ermöglicht Stolle ihm Zeichenunterricht.

Unter Berufung auf seinen berühmten Schwager Theodor Storm erbittet Stolle für Rohlfs bei dem Berliner Maler und einflussreichen Kunstkritiker der Vossischen Zeitung, Ludwig Pietsch (1824–1911), eine Empfehlung für eine künstlerische Ausbildung. So kommt Rohlfs 1870 zunächst nach Berlin und wird von Pietsch an die Großherzogliche Kunstschule in Weimar empfohlen, wo er ab Oktober vom Großherzog Sachsen-Weimar Eisenach Carl Alexander (1818–1901) eine Freistelle erhält. Er studiert bei Paul Thumann (1834–1908). Im Jahr darauf verschlechtert sich jedoch der Zustand des verletzten Beins. Rohlfs muss das Studium abbrechen und wird in Jena behandelt. Er kehrt nach Holstein zurück, wo sein rechtes Bein 1873 schließlich doch amputiert wird.

1874 zieht Rohlfs wieder nach Weimar. Der Großherzog unterstützt ihn weiterhin, ebenso wie Stolle, so dass er sein Studium bei Ferdinand Schauß (1832–1916) fortsetzen kann. Nach Berufung von Alexander Struys (1852–1941) wechselt Rohlfs in dessen Aktklasse. 1881 kann er ein Freiatelier beziehen, das er 1884, als er zum selbständigen Künstler erklärt wird, behalten darf. Rohlfs lebt in bitterster Armut und hungert. 1889 erhält er in Weimar seine erste Einzelausstellung. In Berlin kann er Bilder in der Akademie der Künste zeigen, erste Schwarz-Weiß-Stickereien entstehen. Max Linde lädt ihn zu sich nach Lübeck ein und kauft Werke mit Motiven der Hansestadt von Rohlfs.

1900 lernt Rohlfs den Hagener Bankierssohn, Sammler und Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus (1874–1921) kennen. Dieser bietet ihm die Leitung einer in seinem Privatmuseum geplanten Kunstschule an. Das Projekt scheitert zwar, Rohlfs erhält jedoch auf Lebenszeit ein Atelier in Hagen. Auf Vorschlag des Direktors der Weimarer Akademie, Hans Olde (1855–1917), wird Rohlfs in Weimar der Professorentitel verliehen. 1902 zieht Rohlfs ins fertiggestellte Folkwang Museum und gibt zwei Jahre später das Weimarer Freiatelier endgültig auf. In Hagen lernt Rohlfs in der Osthaus-Sammlung außereuropäische Kunst kennen. Henry van de Velde (1863–1957), den er aus Weimar kennt und der schon den Kontakt zu Osthaus hergestellt hatte, macht ihn mit Edvard Munch (1863–1944) bekannt. 1905 beginnt Rohlfs‘ Freundschaft mit dem Kunsthistoriker und Museumsmann Walter Kaesbach (1879–1961), 1906 die mit Emil Nolde (1867–1956). Im Jahr darauf erhält Rohlfs eine Einzelausstellung in Hagen und wird 1907 Mitglied des »Sonderbundes westdeutscher Kunstfreunde und Künstler«, dessen Vorsitzender Osthaus ist.

Die Kisten seiner geliebten Zigarren nutzt Rohlfs ab 1908 für Holzschnitte, als er mit ersten druckgrafischen Versuchen beginnt. Er lernt den Münchner Arzt und Kunstsammler Hermann Commerell (Lebensdaten unbekannt) kennen, der ihm einen längeren Aufenthalt in Bayern und München ermöglicht. 1909 wird Rohlfs Mitglied des deutschen Werkbundes. Im Folgejahr schließt er mit Commerell eine Vereinbarung, der ihn für zwei Jahre nach München einlädt und ein festes Jahresgehalt im Tausch gegen Bilder zahlt. 1911 wird Rohlfs Mitglied der »Neuen Secession« und 1914 der »Freien Secession«. 1914 erschüttert der Kriegsausbruch Rohlfs so stark, dass er längere Zeit nicht arbeiten kann. Da auch der Firnis zu teuer wird, arbeitet Rohlfs während des Krieges vor allem mit Wasserfarben und fertigt Druckgrafiken.

Zu seinem 70. Geburtstag werden Rohlfs in Berlin, Hannover und Düsseldorf große Ausstellungen ausgerichtet. Fünf Jahre später wird er zum Ehrenbürger der Stadt Hagen ernannt, mehrere Universitäten verleihen ihm die Ehrendoktorwürde und er wird zum Mitglied der Akademie der Künste Berlin berufen. Gleichzeitig verschlechtert sich sein Gesundheitszustand, so dass ihm der Arzt dringend zu einem Aufenthalt im Süden rät. Daher verbringt Rohlfs ab 1927 regelmäßig Frühjahr und Sommer in Ascona in einem Haus direkt am Lago Maggiore. Aus Anlass seines 80. Geburtstages vereinbart die Stadt Hagen mit dem Künstler die Überlassung seines Gesamtwerks und gründet das Christian-Rohlfs-Museum. In vielen deutschen Städten finden Retrospektiven statt. 1933 stellt Rohlfs in der Pariser Galerie Vignon aus und der Louvre kauft ein Werk von ihm an.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird das 1930 in Hagen eröffnete Städtische Museum mit Christian-Rohlfs-Museum 1934 in Städtisches Museum – Haus der Kunst umbenannt. Über 500 seiner Werke werden in der Aktion »Entartete Kunst« aus deutschen Museen entfernt und auf den gleichnamigen Ausstellungen gebrandmarkt. Er erhält Verkaufs- und Ausstellungsverbot und wird aus der Akademie der Künste ausgeschlossen. Gleichzeitig findet 1936 in Detroit Rohlfs erste Ausstellung in den USA statt und noch 1937 eine Ausstellung in der Galerie Ferdinand Möller in Berlin. Als Rohlfs im Jahr darauf stirbt, werden vor allem in der Schweiz Gedächtnisschauen veranstaltet. Die umfangreichste Sammlung von Christian Rohlfs befindet sich heute im Osthaus-Museum Hagen, das auch das Christian Rohlfs Archiv beherbergt.

RK

Ausstellungen

DIE NEUE SECESSION BERLIN. III. AUSSTELLUNG. GEMÄLDE, Galerie Maximilian Macht, Berlin, 18.02.1911–Mitte 04/1911

DER DEUTSCHE EXPRESSIONISMUS – ドイツ表現派展, Seibu-Warenhaus, Tokio, 13.04.1963–14.05.1963

DIE KÜNSTLERGRUPPE »BRÜCKE« UND DER DEUTSCHE EXPRESSIONISMUS, SAMMLUNG BUCHHEIM, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 01.07.1973–30.09.1973

DIE KÜNSTLERGRUPPE »BRÜCKE« UND DER DEUTSCHE EXPRESSIONISMUS, SAMMLUNG BUCHHEIM, Badischer Kunstverein, Karlsruhe, 20.01.1974–23.03.1974

EXPRESSIONISTEN, SAMMLUNG BUCHHEIM, Kölnisches Stadtmuseum, Köln, 02.04.1981–31.05.1981

EXPRESSIONISTES ALLEMANDS. COLLECTION BUCHHEIM, Musée d'Art Moderne, Strasbourg, 28.06.1981–23.08.1981

EXPRESSIONISTEN, SAMMLUNG BUCHHEIM, Kunsthalle zu Kiel Christian-Albrechts-Universtität, Kiel, 02.09.1981–18.10.1981

НЕМЕЦКИЕ ЭКСПРЕССИОНИСТЫ ИЗ СОБРАНИЙ ФРГ (DEUTSCHE EXPRESSIONISTEN AUS SAMMLUNGEN DER BRD), Ermitage, Leningrad, 19.11.1981–02.01.1982

НЕМЕЦКИЕ ЭКСПРЕССИОНИСТЫ ИЗ СОБРАНИЙ ФРГ (DEUTSCHE EXPRESSIONISTEN AUS SAMMLUNGEN DER BRD), Puschkin Museum der Bildenden Künste, Moskau, 22.01.1982–07.03.1982

EXPRESSIONISTEN, SAMMLUNG BUCHHEIM, Mittelrheinisches Landesmuseum, Mainz, 28.03.1982–09.05.1982

EXPRESSIONISTEN, SAMMLUNG BUCHHEIM, Lehmbruck Museum, Duisburg, 19.05.1982–04.07.1982

EXPRESSIONISTEN, SAMMLUNG BUCHHEIM, Akademie der Künste, Berlin, 29.08.1982–24.10.1982

EXPRESSIONISTES ALEMANYS. COL-LECCIÓ BUCHHEIM, Centre Cultural de la Caixa de Pensions, Barcelona, 09.12.1982–30.01.1983

EXPRESIONISTAS ALEMANES. COLECCIÓN BUCHHEIM, Bibliotheca Nacional, Madrid, 10.02.1983–30.03.1983

EXPRESSIONISTS, COLLECTION BUCHHEIM – בוכהיים אוסף אקספרסיוניסטים , Tel Aviv Museum, Tel Aviv, 31.05.1983–31.07.1983

EKSPRESSIONISTEJA. KOKOELMA BUCHHEIM (EXPRESSIONISTEN, SAMMLUNG BUCHHEIM), Ateneumin taidemuseo, Helsinki, 12.08.1983–18.09.1983

EXPRESSIONISM. THE BUCHHEIM COLLECTION, Port of History Museum Penn's Landing, Philadelphia, 06.10.1983–26.11.1983

EXPRESSIONISM. THE BUCHHEIM COLLECTION, Elvehjem Museum of Art University of Wisconsin, Madison, 17.12.1983–29.01.1984

EXPRESSIONISM. THE BUCHHEIM COLLECTION, The Minneapolis Institute of Arts, Minneapolis, 12.02.1984–25.03.1984

DER DEUTSCHE EXPRESSIONISMUS. SAMMLUNG BUCHHEIM – ブーフハイム・コレクションによる ドイツ表現派展, Museum für Moderne Kunst der Präfektur Kanagawa, Kamakura, 07.04.1984–06.05.1984

DER DEUTSCHE EXPRESSIONISMUS. SAMMLUNG BUCHHEIM – ブーフハイム・コレクションによる ドイツ表現派展, Kunstmuseum der Präfektur Miyagi, Sendai, 12.05.1984–24.06.1984

DER DEUTSCHE EXPRESSIONISMUS. SAMMLUNG BUCHHEIM – ブーフハイム・コレクションによる ドイツ表現派展, Städtisches Kunstmuseum, Himeji, 30.06.1984–29.07.1984

DER DEUTSCHE EXPRESSIONISMUS. SAMMLUNG BUCHHEIM – ブーフハイム・コレクションによる ドイツ表現派展, Kunstmuseum der Präfektur Mie, Tsu, 18.08.1984–07.10.1984

EKSPRESSIONISME, BUCHHEIM-SAMLINGEN (EXPRESSIONISMUS, BUCHHEIM-SAMMLUNGEN), Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, 20.10.1984–06.01.1985

EXPRESSIONISTEN, SAMMLUNG BUCHHEIM, Haus der Kunst, München, 16.03.1985–12.05.1985

ΓΕΡΜΑΝΟΙ ΕΞΠΡΕΣΙΟΝΙΣΤΕΣ ΣΥΛΛΟΓΗ ΜΠΟΥΧΑΙΜ (EXPRESSIONISTEN, SAMMLUNG BUCHHEIM), Pinacothèque Nationale, Musée Alexandre Soutzos, Athen, 07.10.1985–10.12.1985

EXPRESSIONISTEN. SAMMLUNG BUCHHEIM. ARBEITEN AUF PAPIER, Ulmer Museum, Ulm, 10.09.1989–15.10.1989

EXPRESSIONISTEN, SAMMLUNG BUCHHEIM, Kunstmuseum Luzern, Luzern, 01.07.1990–09.09.1990

EXPRESSIONISTEN. SAMMLUNG BUCHHEIM, Haus der Kunst, München, 29.07.1998–18.10.1998

ERÖFFNUNGSAUSSTELLUNG, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, ab 23.05.2001

CHRISTIAN ROHLFS – WAHRNEHMUNG UND INNERES BILD , Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 23.09.2009–10.01.2010

EXPRESSIONISMUS2 – DIE SAMMLUNGEN BUCHHEIM + NANNEN, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 14.03.2015–05.07.2015

EIN FEST FÜRS AUGE. BUCHHEIMS EXPRESSIONISTEN, Kunsthalle Emden Stiftung Henri und Eske Nannen Schenkung Otto van de Loo, Emden, 26.09.2015–17.01.2016

SUTEMI KUBO. MEINE BRÜCKE, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 23.06.2018–23.09.2018

Literatur

IM KAMPF UM DIE KUNST. DIE ANTWORT AUF DEN »PROTEST DEUTSCHER KÜNSTLER«. MIT BEITRÄGEN DEUTSCHER KÜNSTLER, GALERIELEITER, SAMMLER UND SCHRIFTSTELLER, München: R. Piper & Co. Verlag, 1911, S. 73

DAS KUNSTBLATT, hrsg. v. Paul Westheim, 2. Jg., Weimar: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1918, S. 265–277 (Paul Westheim: Christian Rohlfs)

DAS KUNSTBLATT, hrsg. v. Paul Westheim, 6. Jg., H. 6 (Juni), Potsdam, Berlin: Gustav Kiepenheuer, 1922, S. 243–246 (Alfred Salmony: Rohlfs)

DAS KUNSTBLATT, hrsg. v. Paul Westheim, 6. Jg., H. 9 (September), Potsdam, Berlin: Verlag Gustav Kiepenheuer, 1922, S. 382 (Ein neuer Naturalismus? Eine Umfrage des Kunstblattes)

Carl Emil Uphoff: CHRISTIAN ROHLFS, Leipzig: Klinkhardt & Biermann, 1923

DAS KUNSTBLATT. MONATSSCHRIFT FÜR KÜNSTLERISCHE ENTWICKLUNG IN MALEREI, SKULPTUR, ARCHITEKTUR UND KUNSTHANDWERK, hrsg. v. Paul Westheim, 14. Jg., H. 1 (Januar), Berlin: Hermann Reckendorf GmbH, 1930, S. 17–19 (Postkarten und Briefe von Christian Rohlfs)

Paul Vogt: CHRISTIAN ROHLFS. OUEVRE-KATALOG DER GEMÄLDE, Bearbeitung des Werkverzeichnisses v. Ulrike Köcke, Recklinghausen: Verlag Aurel Bongers, 1978

CHRISTIAN ROHLFS. DAS LICHT IN DEN DINGEN. SPÄTE TEMPERABILDER. EINE AUSSTELLUNG ZUM 150. GEBURTSTAG DES KÜNSTLERS, Ausst.-Kat. Kunsthalle in Emden, Stiftung Henri und Eske Nannen (18.09.–21.11.1999); Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster, Landschaftsverband Westfalen-Lippe (28.11.1999–13.02.2000)

Birgit Schulte: CHRISTIAN ROHLFS. MUSIK DER FARBEN. SAMMLUNGSKATALOG DER WERKE IM OSTHAUS MUSEUM HAGEN, hrsg. i. Auftrag der Freunde des Osthaus Museums e. V., Hagen: Neuer Folkwang Verlag im Osthaus Museum, 2009

Susanne Knuth: CHRISTIAN ROHLFS 1849–1938. FALL DER FÄLLE. ROSTOCKS KLASSISCHE MODERNE: »ENTARTETE KUNST« AUS DEM NACHLASS DES KUNSTHÄNDLERS BERNHARD A. BÖHMER, Ausst.-Kat. Kulturhistorisches Museum Rostock (09.06.–24.09.2017) (Schriften des Kulturhistorischen Museums Rostock, Neue Folge, Bd. 17)

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