Sammlung Carl Hagemann



Fotograf/Fotografin unbekannt; Hessisches Wirtschaftsarchiv


Carl Hagemann (1867–1940) kommt in einem gutbürgerlichen Haushalt am 09.04.1867 als erstes von drei Kindern in Essen zur Welt. Nach dem Abitur an einem Essener humanistischen Gymnasium studiert er zwischen 1886 und 1890 in Tübingen, Hannover und Leipzig Chemie. Seine berufliche Karriere beginnt er 1894 bei den Farbenfabriken Bayer. Dank der Tantiemen aus seinen Forschungspatenten ist Hagemann früh finanziell unabhängig. Zum Jahreswechsel 1919/20 tritt er eine Stelle als Leiter der Farbwerke Leopold Cassella & Co in Mainkur bei Frankfurt am Main an, weswegen er dorthin umzieht. Vielleicht ist es auch auf seine Wohnungssuche in Frankfurt zurückzuführen, dass er seine Sammlung Moderner Kunst von Oktober bis November 1920 im Kunstmuseum Essen ausstellt. Als die Firma Cassella & Co 1925 in die I. G. Farben eingegliedert wird, wird Hagemann Mitglied des Firmenvorstands. 1932 beendet er seine berufliche Laufbahn mit dem Eintritt in den Ruhestand. Die daraus resultierende freie Zeite verbringt er nun mit Reisen, auch vertieft er seine Sammeltätigkeit und intensiviert die Kontakte zu Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) und Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) durch persönliche Besuche. Am 20.11.1940 wird Hagemann vor dem Frankfurter Hauptbahnhof von einer Straßenbahn überfahren und stirbt.

Hagemann wird im Laufe seines Lebens zu einem der wichtigsten Förderer der Modernen Kunst in Deutschland mit einer Sammlung von über 1800 Kunstwerken. Er kommt aus einem Elternhaus, in dem Kunst und klassische Musik einen Stellenwert haben und Interesse hierfür gefördert wird. Regelmäßige Museumsbesuche in den ersten Berufsjahren in Leverkusen vertiefen Hagemanns Leidenschaft. Dort muss er auch Ernst Gosebruch (1872–1953), den damaligen Direktor des Essener Museums, kennengelernt haben. Dieser begleitet ihn fortan als Freund und Kunstberater und ist wohl auch derjenige, der Hagemann mit den Künstlern der Künstlergemeinschaft »Brücke« persönlich bekannt macht.

Gemäß den Recherchen von Hans Delfs, denen die Künstler-Briefwechsel von Carl Hagemann zugrunde liegen, beginnt die Sammlertätigkeit des Chemikers kurz nach der Jahrhundertwende mit Erwerbungen von Grafiken z. B. auf Auktionen. Delfs vermutet, dass Hagemanns Zuwendung zum deutschen Expressionismus nicht nur grundsätzlich von Gosebruch beeinflusst wurde, sondern vielmehr auch durch die Begegnung mit den entsprechenden Kunstwerken entsteht. So glaubt Delfs, dass Hagemanns erste Erwerbungen von Gemälden von Emil Nolde (1867–1956) ihren Ausgangspunkt in einem Besuch der 1910 von Gosebruch im Kunstverein Essen kuratierten Nolde-Ausstellung hat. Tatsächlich kauft Hagemann direkt zwei Ölbilder des Künstlers, »Frischer Tag am Meer« und »Blumengarten (Frau im weißen Kleid)«, im Dezember 1912. Von da an wächst die Sammlung kontinuierlich um ca. drei bis vier Gemälde pro Jahr, so dass sie Ende 1915 etwa 18 Gemälde umfasst, wovon die Hälft laut Delfs‘ Recherchen von Emil Nolde sind. Über die Jahre verändert sich die Sammlung jedoch, Hagemanns Erwerbungen verschieben sich zunehmen hin zu Werken der Gründungsmitglieder der »Brücke«. Ab 1915 sind es Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel (1883–1970), zwischen 1920 und 1925 Werke von Karl Schmidt-Rottluff, die in seinen Sammlungsfokus rücken. Diesen Sammlungskern ergänzt er über die Jahre u. a. um Werke von Richard Ackermann (1892–1968), Wladimir von Bechtejeff (1878–1971), Walther Bötticher (1885–1916), Georges Braque (1882–1963), André Derain (1880–1954), Engelbert Gminska (1888–1923), Franz Marc (1880–1916), Paula Modersohn-Becker (1876–1907), Oskar Kokoschka (1886–1980), Christian Rohlfs (1849–1938), Ernst Wilhelm Nay (1902–1968) und Max Peiffer Watenphul (1896–1976). Hagemann veräußert auch Werke, u. a. schenkt er 1934 dem Museum Folkwang das 1913 entstandene »Stillleben mit rundem Tisch« von André Derain und »Bucht bei La Ciotat« von Georges Braque, welche beide im Rahmen der Aktion »Entartete Kunst« beschlagnahmt und verkauft werden.

Hagemanns Sammlung umfasst neben Gemälden, Kunstbüchern und Plastiken auch mehrere Hundert Papierarbeiten, Unikate sowie Druckgrafik. Delfs bezeichnet diese sogar als »Herzstück« der Sammlung. Vielfach erwirbt der Chemiker seine Sammlungsgegenstände direkt von den Künstlerinnen und Künstlern. Dies trifft auch zu für das Aquarell »Vareler Leuchtturm« von Karl Schmidt-Rottluff aus der Sammlung des Buchheim Museums (Inv. 1.00395), wie sich durch unsere Herkunftsrecherchen im Jahr 2024 ergeben hat. Schon ab 1911 unterstützt Hagemann junge künstlerische Talente, fördert sie durch monatliche Zuwendungen, für die er im Gegenzug Kunstwerke erhält. Die Briefe belegen aber auch, dass er inhaltliche Anregungen gibt, Auftragsarbeiten erteilt. Daneben unterhält Hagemann gute Verbindungen zum Handel wie zu dem ortsansässigen Kunsthändler Ludwig Schames (1852–1922) bzw. in dessen Nachfolge zu Schames‘ Neffe, Manfred Schames (1885–1955), aber auch nach Berlin zu Ferdinand Möller (1882–1956) und dem Dresdner bzw. Mannheimer Händler Rudolf Probst (1890–1968).

Die 2004 von den Autoren Hans Delfs, Mario-Andreas von Lüttichaus und Roland Scotti herausgegebene Druckversion der Künstler-Korrespondenzen an Hagemann liegt eine CD-ROM bei, auf der sich auch die Faksimiles der Dokumentation und eine von Delfs herausgegebene Dokumentation der Kunstsammlung Hagemann befindet, die »mit einem Programm vollautomatisch aus einer Datenbank der Sammlung Hagemann erstellt« und von Delfs mit Kommentaren versehen wurde. Wichtig ist die Beachtung von Hagemanns ungewöhnlicher Begriffsnutzung, da er seine Papierarbeiten in »Graphik« und »Aquarelle« unterteilte. Dabei verwendet er »Graphik« sowohl für Zeichnungen als auch für Druckgrafik, was eine Werkzuordnung erschwert. Im Nachlass Ernst Gosebruch im Deutschen Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg befinden sich von Gosebruch im Zusammenhang mit der Aufteilung der Sammlung an die Erben angefertigte Inventarlisten zur Sammlung, die die von Delfs herausgegebene Dokumentation ergänzen.

Testamentarisch hatte Hagemann seinen Erben den Vorschlag gemacht, seine »Graphik« nicht aufzuteilen, sondern einem öffentlichen Museum zu übergeben. Auf Anregung des damaligen Direktors des Städelmuseums, Ernst Holzinger (1901–1972) wird die Sammlung Hagemann zum Schutz vor Kriegsschäden 1941 zunächst in den Kellerräumen des Museums eingelagert und wie auch die Sammlung des Städelmuseums im Laufe der Jahre bis zum Kriegsende an mehreren Standorten versteckt. Diese Schutzmaßnahme geschieht in Absprache mit den drei Erben, den Geschwistern Hagemanns, in erster Generation Otto (1869–1947), Fritz (Lebensdaten unbekannt) und Maria (1875–1962), die sich bereits 1941 entschließen einen Großteil der Sammlung dem Städel zu schenken. Erst 1948 erfolgt eine Aufteilung des Nachlasses an die drei Erben. Vom 26.09. bis 30.11.1948 organisiert Holzinger als erste Nachkriegspräsentation expressionistischer Kunst im Städelschen Kunstinstitut die Ausstellung EXPRESSIONISTEN – SAMMLUNG HAGEMANN. In der Schau werden Kernstücke aus der damals noch ungeteilten Sammlung Hagemanns präsentiert. Aus Kostengründen wird kein Katalog gedruckt. Zum Dank für die Unterbringung und Sicherung der Sammlung schenken die Erben dem Städel am 25.09.1948 ein großes Konvolut von Papierarbeiten, das im Katalog zur 2004 und 2005 veranstalteten Ausstellung KÜNSTLER DER BRÜCKE IN DER SAMMLUNG HAGEMANN auf 935 Werke beziffert wird. Aufgrund der materiellen Situation, in der sich die Erben ab 1948 befinden, veräußern sie ihrerseits einige der geerbten Werke über verschiedene Händlerinnen und Händler wie u. a. aus Korrespondenzen zwischen der Frankfurter Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath (1893–1983) und einem der Hagemann-Erben, Carls Bruder Fritz Hageman hervorgeht.

JL

13.03.2025

Literatur

KIRCHNER, SCHMIDT-ROTTLUFF, NOLDE, NAY ... BRIEFE AN DEN SAMMLER UND MÄZEN CARL HAGEMANN 1906–1940, hrsg. v. Hans Delfs, Mario-Andreas von Lüttichau, Roland Scotti, Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz Verlag, 2004

»GEHEIMNIS DER MATERIE« KIRCHNER, HECKEL UND SCHMIDT-ROTTLUFF, hrsg. v. Regina Freyberger, Städel Museum, Frankfurt am Main, m. Texten von Regina Freyberger, Theresa Nisters, Alexander Eiling, Iris Schmeisser, Ruth Schmutzler, Sabine Protze, Ausst.-Kat. Städel Museum, Frankfurt am Main (26.06.–13.10.2019), Dresden: Sandstein Verlag, 2019, S. 64–83

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