Zwei Pferde

Franz Marc (1880–1916)

um 1910

Tusche und schwarze Kreide, laviert, auf Karton

Bildmaß 48,5 x 63,5 cm
Rahmenmaß 70,5 x 85,5 x 3,5 cm


Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See


Inventarnummer: 1.09891b

Zeichnung, Schwarze Pigmente, Tusche

KVZ/WVZ: Hoberg/Jansen II 182; Lankheit 411


Sammlungsbereich: Arbeiten auf Papier

Künstler/in: Franz Marc


Reproduktion: Bildarchiv Buchheim Museum

Beschreibung

Diese Darstellung im Querformat fertigt Franz Marc mit Tusche und schwarzer Kreide an. Die Zeichnung trägt den Titel »Zwei Pferde« und entsteht um 1910. Im Februar desselben Jahres findet auch Marcs erste größere Ausstellung in Brakl’s Moderner Kunsthandlung in München statt, und er lernt in diesem Jahr auch den Künstlerkollegen August Macke (1887–1914) kennen, mit dem ihn fortan eine enge Freundschaft verbindet. Es ist ein Zeitraum, in dem der Künstler um eine neue Formen- und Farbsprache in der Darstellung seiner Sicht auf die Natur, insbesondere von Tiergestalten, ringt. Pferde werden in der Umsetzung dieser Zielsetzung für Franz Marc zu einem zentralen Motiv. Es entsteht eine Vielzahl an Werken, die Pferde zum Thema haben. In der Ausstellung FRANZ MARC – PFERDE, die 2000 in der Stuttgarter Staatsgalerie und im Busch-Reisinger Museum an der Harvard University in Cambridge, USA, stattfand, wurde eine große Auswahl davon präsentiert. So war auch dieses Werk mit eben dieser Bildseite Teil der Ausstellung. Die große Zeichnung gewinnt besondere Bedeutung dadurch, dass sie die einzige erhaltende Vorarbeit zu dem Gemälde »Streitende Pferde«, 1910 (WVZ Hoberg/Jansen Bd. I 132) ist, das ehemals zur Sammlung des damaligen Direktors der Hamburger Kunsthalle, Carl Georg Heise (1890–1979) gehörte, das aber im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Auf der anderen Bildseite des Werkes malt Marc 1910/11 mit Tempera- und Ölfarbe zwei weibliche Akte, die in einer Landschaft stehen. Die gesamte Szene ist in erdigen Farbtönen gehalten. Die beiden jungen Frauen, der Stein im Bildvordergrund und die hohen Baumstämme im Bildhintergrund sind schwarz umrissen, nur das hell leuchtende Grün, in dem der Stein gemalt ist, hebt sich gegenüber den anderen Farbtönen ab und verleiht dem Bild eine mystische, geheimnisvolle Atmosphäre.

Das Mädchen links im Bild kniet mit ihrem rechten Bein auf dem Stein und stützt sich mit dem anderen am Boden ab. Ihren Oberkörper und Kopf dreht sie über die Schulter ihrer Begleiterin zu, die rechts neben ihr steht. Ihre Arme hält sie verschränkt, umfasst mit dem einen ihren Körper und mit dem anderen ihre Brust. Das Mädchen rechts im Bild dreht uns den Rücken zu. Marc rückt es perspektivisch etwas hinter den anderen Akt, so dass ihr Spielbein hinter dem des anderen Mädchens verschwindet. Auch sie neigt ihren Kopf zur Seite, schaut leicht hinter sich und damit ebenfalls in unsere Richtung. Obwohl die beiden jungen Mädchen nebeneinanderstehen, ist jede in ihr eigenes Sein vertieft. Beide haben lange dunkle Haare, sie weisen keinerlei individuelle charakteristische Körpermerkmale auf, was darauf hindeutet, dass es Marc eher um die Darstellung eines Menschentypus als Teil seiner Umgebung ist, die er – Natur und Mensch – gleichermaßen stilisiert darstellt.

Dieses Bild entsteht nach einem Kompositionsentwurf, der in Marcs Skizzenbuch XV von 1909/10 überliefert ist. Neben Skizzen zu fliegenden Vögeln und schlafenden Tieren enthält es Bleistiftstudien zu weiblichen Badenden, die Marcs Auseinandersetzung mit der ihn umgebenden Natur dokumentieren. Es beinhaltet aber auch zwei Skizzen, für die sich der Künstler Anregungen in der altägyptischen Kunst gesucht haben muss, da die beiden Kompositionen reliefartig und stilisiert angelegt sind. Isabelle Jansen, die sich eingehend mit Marcs malerischem Oeuvre auseinandergesetzt hat, verweist darauf, dass der Künstler sowohl in der Skizze als auch in »Zwei stehende Mädchenakte mit grünem Stein« das wesentliche Stilmerkmal von Figurendarstellungen im alten Ägypten, in der ein und dieselbe Figur sowohl frontal als auch im Profil zu sehen ist – verwendet, diese Darstellungsreferenz jedoch persönlich uminterpretiert bzw. in eine natürliche Umgebung bettet (Stein, Bäume). Die Farbwahl für die Darstellung verleiht der Szene zusätzliche Exotik. Auch Sebastian Schmidt, der sich mit Marcs Skizzenbuch XV beschäftigt hat, erkennt in genau dieser Darstellung eine Referenz an altägyptische Bildmotive, für die eine »eigentümliche Kombination aus Frontalität und Profilansicht« charakteristisch ist.

In dem ersten Werkverzeichnis zum Oeuvre von Franz Marc, das der Kunsthistoriker Alois Schardt (1889–1955) 1936 anlässlich einer Franz-Marc-Gedächtnisausstellung in Hannover veröffentlicht, ist als erste Eigentümerin von der Bildseite »Zwei stehende Mädchenakte mit grünem Stein« die Gestalterin, Malerin und Kunstsammlerin Alexe Altenkirch (1871–1943) aus Köln dokumentiert. Das Werkverzeichnis entsteht in gemeinsamer Arbeit mit Marcs Witwe, Maria Marc (1876–1955), geb. Franck, und Schardts Ehefrau, der Schauspielerin Mary Schardt (1896–1951), geb. Dietrich.

1970 publiziert der Kunsthistoriker Klaus Lankheit einen überarbeiteten Werkkatalog, für dessen Erarbeitung ihm Schardts Sohn, Alois Schardt Junior, den wissenschaftlichen Nachlass des Vaters zur Verfügung stellt. Auch bis dato unveröffentlichte Primärquellen berücksichtigt Lankheit, wie u. a. Briefe und ein Oktavheft des Künstlers mit der Dokumentation von Ausstellungsteilnahmen. Dennoch macht er keine Herkunftsangaben – außer, wer »gegenwärtiger Besitzer« zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 1970, ist. Weiterhin verzeichnet Lankheit erstmalig nun auch die zweite Bildseite des Werkes, die Tusche- und Kohlezeichnung »Zwei Pferde, 1910«. Als Besitzer hält er die Galerie Peter Griebert in München fest.

Die beiden Autorinnen, Isabelle Jansen und Annegret Hoberg, deren dreibändiges Werkverzeichnisses 2004 erscheint und von der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München erarbeitet wurde, entschlüsseln Konvolutsangaben in Einzelwerke und ergänzen die Objektangaben durch detaillierte Herkunftsinformationen sowie Ausstellungs- und Literaturreferenzen. Auch sie verweisen auf Alexe Altenkirch als Eigentümerin für das 1910/11 entstandene Ölbild »Zwei stehende Mädchenakte mit grünem Stein, 1910/11« und damit auch für »Zwei Pferde, 1910«. Altenkirch ist es nämlich, die für die erste Ausstellungsteilnahme der Bildseite der »Zwei Mädchen« im Katalog zur ERSTEN AUSSTELLUNG ZEITGENÖSISCHER DEUTSCHER KUNST, die im Mai und Juni 1920 im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld veranstaltet wird, dokumentiert ist.

Ab wann sich das Werk als ihre Leihgabe in der Nationalgalerie Berlin befindet, geht aus den vom Zentralarchiv Staatliche Museen zu Berlin freundlich bereitgestellten Unterlagen nicht eindeutig hervor. Der damalige Kustos der Nationalgalerie Berlin, Ludwig Thormaehlen (1889–1956) spricht von »jahrelangen Leihgaben«, als er am 12.12.1928 intern die Rücksendung von »Zwei Frauen im Wald« von Franz Marc zusammen mit einem Werk von Erich Heckel (1883–1970) an die »Besitzerin« mit der Adresse »Kunstgewerbliche Werkschule, Fräulein Altenkirch, Köln« veranlasst. Ein Aktenvermerk auf dem Dokument belegt den Rücktransport an die Leihgeberin zwei Tage später, am 14.12.1928.

Alexe Altenkirch und Ludwig Thormaelen waren verwandt und so gelangt das Bild vermutlich im Erbgang in Thormaelens Eigentum. Danke der freundlichen Auskunft des Archivs Stuttgarter Kunstkabinett Roman Norbert Ketterer, Wichtrach/Bern lässt er sich als Einlieferer für das Bild am 07.06.1955 als Los-Nr. 1633 in die 22. Auktion des Stuttgarter Kunstkabinett nachweisen. Der Kunsthändler Benno Griebert (1909–2000) erwirbt es zu diesem Zeitpunkt in Kommission für die »Sammlung E. Bührle, Zürich«. Als der Waffenproduzent und passionierte Kunstsammler Emil Georg Bührle (1890–1956) ohne ein Testament zu hinterlassen 1956 verstirbt, werden seine gesetzlichen Erben Eigentümer der Sammlung. 1960 ändern sich die Eigentumsverhältnisse und der Standorte einiger Werke aus der Sammlung von Bührle durch die Gründung der Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich. »Zwei stehende Mädchenakte mit grünem Stein« geht ebenfalls ins Stiftungseigentum über, bleibt aber im Privatbesitz der Erben gemäß einer von Lukas Gloor erarbeiteten und 2021 veröffentlichten Liste zum Bestand der Sammlung Bührle. In den beiden monografischen Ausstellungen FRANZ MARC in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München vom 10. August bis 13. Oktober 1963 und in der vom Hamburger Kunstverein veranstalteten Schau FRANZ MARC. GEMÄLDE, GOUACHEN, ZEICHNUNGEN, SKULPTUREN wird unseres Wissens erstmalig die zweite Bildseite des Werkes mit der Tusche- und Kohlezeichnung »Zwei Pferde« von Franz Marc präsentiert. Der Galerist und Sohn von Benno Griebert, Peter Griebert (geb. 1937) veräußert das doppelseitige Werk schließlich nach 1970 an eine unbekannte Privatsammlung, die es als Kat.-Nr. 834 in der AUKTION 235 MODERNE KUNST im Hamburger Auktionshaus Dr. Ernst Hauswedell am 06.06.1980 erneut zum Verkauf anbietet. Käufer ist zu diesem Zeitpunkt ein Privatsammler aus Bochum.

Im November 2022 erwirbt die Buchheim Stiftung das doppelseitige Werk schließlich bei der Münchner Galerie Thomas zur Erweiterung und inhaltlichen Ergänzung ihrer Sammlung.

Die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 rekonstruierbar und ein NS-verfolgungsbedingter Entzug kann auf Basis der vorliegenden Informationen ausgeschlossen werden. Es gibt jedoch unbedenkliche Lücken. Bei Gelegenheit kann weiter geforscht werden.

JL

27.08.2025

Provenienz

seit mindestens 1920–mind. 1928/1936: Alexe Altenkirch (1871–1943), Köln
o. D.–1955: Ludwig Thormaehlen (1889–1956), Bad Kreuznach, Neffe der Vorgenannten, erworben wohl durch Erbgang
30.11.1955: Stuttgarter Kunstkabinett, Stuttgart, 22. Kunstauktion, Nr. 1633, eingeliefert von Ludwig Thormaehlen, Bad Kreuznach
30.11.1955: »Dr. Griebert«, erworben in Kommission für »Sammlung E. Bührle, Zürich« im Stuttgarter Kunstkabinett, Stuttgart, 22. Kunstauktion, Nr. 1633
1955–o. D.: Emil Georg Bührle (1890–1956), Zürich
1960–vor 1970: Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich
vor 1970: Galerie Peter Griebert, München, vmtl. erworben von Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich
o. D.: Unbekannte Privatsammlung
o. D.: Unbekannte Privatsammlung, Hamburg
06.06.1980: Hauswedell & Nolte, Hamburg, Auktion 235, Nr. 834, eingeliefert von Unbekannt
06.06.1980–o. D.: Privatsammlung, Bochum, erworben bei Hauswedell & Nolte, Hamburg, Auktion 235, Nr. 834
[...]
07.06.2019: Ketterer Kunst GmbH, Auktion 489, München, Nr. 96, eingeliefert von Unbekannt
07.06.2019–11/2022: Privatsammlung, erworben bei Ketterer Kunst GmbH, Auktion 489, München, Nr. 96
08/2021–11/2022: Galerie Thomas, München, in Kommission von Privatsammlung übernommen
seit 26.11.2022: Buchheim Stiftung, Bernried, durch Ankauf bei der Galerie Thomas, München

JL

07.08.2025

Sammlung Buchheim

Literatur

489. AUKTION. EVENING SALE, Ketterer Kunst, München (07.06.2019), Kat. Nr. 96, Abb. S. 29, Erw. S. 28

IMPRESSIONIST & MODERN ART. EVENING & DAY SALES, Sotheby's, London (19.–20.06.2018), Erw. S. 80

FRANZ MARC. WERKVERZEICHNIS. AQUARELLE, GOUACHEN, ZEICHNUNGEN, POSTKARTEN, HINTERGLASMAERLEI, KUNSTGEWERBE, PLASTIK, hrsg. v. Annegret Hoberg und Isabelle Jansen für die Städtische Galerie im Lenbachhaus München und die Franz Marc Stiftung, Kochel am See, München: Verlag C. H. Beck, 2004, Kat. Nr. 182, Abb. S. 155, Erw. S. 155

FRANZ MARC – PFERDE, Ausst.-Kat. Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart (27.05.–10.09.2000); Busch-Reisinger Museum, Harvard University Art Museums, Cambridge, Mass. (29.09.–18.03.2001, Ostfildern-Ruit : Hatje Cantz Publishers, 2000, Kat. Nr. 36, Abb. S. 80 (Abb. 64), Erw. S. 76

AUKTION 235 MODERNE KUNST, Dr. Ernst Hauswedell, Hamburg (05.–06.06.1980), Abb. S. 272, Erw. S. 272

Klaus Lankheit: FRANZ MARC. KATALOG DER WERKE, Köln: Verlag M: DuMont Schauberg, 1970, Kat. Nr. 411, Abb. S. 133

FRANZ MARC, Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München (09.08.–13.10.1963), München: Holzinger, 1963, Kat. Nr. 105

FRANZ MARC. GEMÄLDE, GOUACHEN, ZEICHNUNGEN, SKULPTUREN, Ausst.-Kat. Kunstverein Hamburg, Hamburg (01.11.1963–05.01.1964), Hamburg: Christians Verlag, 1963, Kat. Nr. 126