Bretonische Landschaft

Maurice Denis (1870–1943)

1923

Öl auf Karton

Bildmaß 50,0 x 37,0 cm
Rahmenmaß 64,0 x 50,5 x 6,0 cm


Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See


Inventarnummer: 0.00156

Alternativer Titel: Paysage Breton; Petite vue de la Clarté; Landscape in Brittany

Malerei, Ölfarben

Ort: Europa, Frankreich, Bretagne, Côtes-d’Armor, Perros-Guirec, Notre-Dame-de-la-Clarté


Sammlungsbereich: Gemälde

Künstler/in: Maurice Denis


Reproduktion: Nikolaus Steglich, Starnberg
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Beschreibung

Dieses Gemälde von dem französischen Maler Maurice Denis (1870–1943), das 1923 entsteht, stellt eine Kirche in einer französischen Ortschaft im Hochformat dar. Ein Bildvergleich im Oeuvre von Denis führte zu einer Identifizierung der Kirche als Église de la Clarté in Perros Guirec in der Bretagne, wo sich Denis‘ Sommerdomizil befand. Bereits 1920 entsteht ein Bild mit eben diesem Titel, das nicht nur in einer frühen Publikation von Maurice Brillon 1929 abgebildet ist, sondern auch in einem Auktionskatalog von 2017 anlässlich eines Verkaufs, in dem es als »›Notre Dame de la Clarté‹ ou ›Maternité devant la Clarté‹« bezeichnet ist. Es existieren mehrere Ansichten der Kirche. Laut freundlicher Auskunft einer Mitarbeiterin am Werkverzeichnis der Ölbilder von Maurice Denis gibt es bereits 1922 eine Skizze zu dem Gemälde. Dabei entspricht dies Denis’ üblicher Arbeitsweise, der vor Ort Skizzen anfertigte, die er nach seiner Rückkehr ins Atelier in Saint-Germain-en-Laye für die Erarbeitung seiner Gemälde verwendete.

Bereits 1924 wird das Bild unter dem Titel »Petite vue de la Clarté« in der Pariser Galerie Druet vom 10.–31.01.1924 ausgestellt, wie sich durch einen Abgleich der Exponatenliste mit Fotografien von Eugène Druet (1867–1916) eindeutig belegen lässt. Ob sich das Bild zu diesem Zeitpunkt noch im Besitz des Künstlers befindet, lässt sich nicht gesichert belegen. In dem Geschäftsbuch von Denis von 1927 ist der Verkauf eines Gemäldes mit eben diesem aus dem Ausstellungskatalog von 1924 überlieferten Titel »Petite vue de la Clarté« an den Teppichhändler Henri Lidchi (Lebensdaten unbekannt) dokumentiert. Aufgrund der Parallelität im Titel ist es wahrscheinlich, dass sich der so dokumentierte Eigentumstransfer auf das Bild des Buchheim Museums bezieht, zweifelsfrei ist dies jedoch nicht belegbar, da weitere Angaben zu dem Verkaufsobjekt fehlen. Über Lidchis Kunstsammlung ist uns und den Verfassern des Werkverzeichnisses bisher nichts bekannt. Personenbezogene Recherchen erbrachten jedoch Hinweise darauf, dass Henri Lidchi – offenbar nach Johannesburg ausgewandert – dort 1936 einen Teppichhandel gründet, der später von seinem Sohn Victor und anschließend von der dritten Generation weitergeführt wurde noch bis vor wenigen Jahren in Johannesburg existierte. Vor 1936 war Lidchi schon als Händler für persische Teppiche in Paris tätig. Wie lange sich das Bild »Petite vue de la Clarté« von Denis in Lidchis Besitz befindet, konnte nicht ermittelt werden.

Am 08.12.1941 wird das Gemälde als Los-Nr. 107 unter dem Titel »L’église bretonne« in der vom Auktionator Étienne Ader im Hôtel Drouot durchgeführten Auktion TABLEAUX MODERNES. DESSINS, AQUARELLES, GOUACHES, PASTELS, SCULPTURES zum Verkauf angeboten. Da sich zu der Auktion keine Unterlagen in den Archives de la Ville de Paris überliefert haben, bleibt offen, wer der Einlieferer zur Auktion war und ob es zu einem Eigentumstransfer bei dieser Gelegenheit gekommen ist.

Im Museumsbestand wird das Bild mit dem Titel »Bretonische Landschaft« geführt – ein Titel, der sich auf die Losbezeichnung auf der 1. Auktion des Frankfurter Kunsthauses, Buchheims einziger Auktion während seiner Tätigkeit als Kunsthändler, bezieht. Dort wird das Bild am 21.04.1950 als Los-Nr. 514 aufgerufen. Der Einlieferer zur Auktion ist verschlüsselt im Auktionskatalog mit der Nummer »23« dokumentiert. Diese Nummer wird im Einliefererverzeichnis durch die Initialien »Ra« weiter ausgeführt und lässt sich gemäß der im August 2022 im Archiv der Eheleute Buchheim aufgefundenen Geschäftsunterlagen zum Auktionshaus als »Buchheim« entschlüsseln. Das Bild bleibt unverkauft und somit in Buchheims Eigentum.

Ebenfalls im August 2022 wurde im Archiv der Eheleute Buchheim ein Vertrag gefunden, der Buchheims Erwerbung datiert und einen privaten Erwerbungskontext belegt: er kauft das Bild zusammen mit einem Ölbild von Max Liebermann, »Drei holländische Mädchen«, dessen Verbleib ungeklärt ist, von dem gebürtigen Schweizer Künstler Hans Warthmann (1902–1989) am 07.04.1948. Über Warthmann, der ab Juni 1935 in Münchens Maxvorstadt ansässig ist, und seine Sammlung ist uns bisher jedoch nur wenig bekannt. Gesichert ist, dass auch das Gemälde »Norwegische Landschaft« von Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) von 1911 aus Warthmanns Voreigentum stammt. Auch dieses Gemälde bietet Buchheim in der 1. Versteigerung des Frankfurter Kunsthauses zum Verkauf an. In der zweibändigen Publikation »Dialoge«, in der Gespräche des Auktionators Roman Norbert Ketterer (1911–2002) mit Sammlern und Kunsthändlern überliefert sind, berichtet der Zeitzeuge Joachim Cüppers (1923–2006) von der Auktion und wie die beiden Auktionatoren Lothar-Günther Buchheim (1918–2007) und Günther Haase (Lebensdaten unbekannt) eine angeblich französische Kunstauktionsatmosphäre mit lautem Geschrei und viel Umtriebigkeit kreierten. Aus welcher Quelle Warthmann die »Bretonische Landschaft« erwirben hatte, ob aus privatem oder gewerblichen Vorbesitz oder ob er es auf der Auktion am 08.12.1941 im Hôtel Drouot ersteigert oder als Voreigentümer zum Verkauf angeboten hatte und der Verkauf dann nicht zustande gekommen war, konnte im Rahmen der Recherchen nicht geklärt werden.

Das Gemälde war lange Zeit von einem großen Rahmen mit Einlegerahmen, einer sogenannten Marie-Louise, eingefasst. Das untermauert die Vermutung, dass dieser Rahmen ursprünglich für ein anderes, größeres Bild gefertigt wurde. Ein auf diesem Rahmen verso angebrachtes Etikett ist mit »[A]nna von Hansemann / Strasse in La Ciotat« beschriftet. Da der Rahmen mit großer Wahrscheinlichkeit ursprünglich nicht zu dem Gemälde von Maurice Denis gehörte, ist er für die Herkunftsgeschichte des Gemäldes nur begrenzt aussagekräftig. Recherchen haben gezeigt, dass Buchheim sehr viele Werke seiner Sammlung mit in seiner Sammlung vorhandenen Rahmen neu gerahmt hat. Da der überlieferte Rahmen zu groß und der Einlegerahmen unpassend war, wurde das Bild im Frühjahr 2025 anlässlich einer Neupräsentation der Sammlung in einen in der Sammlung vorhandenen und auf das Bild angepassten Rahmen aus der Entstehungszeit des Gemäldes gerahmt. Der vorherige Rahmen wird als Leerrahmen in der Sammlung bewahrt.

Bei der Beschriftung auf dem oben genannten Etikett handelt es sich wahrscheinlich um den Namen »Anna von Hansemann« (1897–1992), die die zweite Frau des Malers Leo von König war. Zunächst schien es aufgrund des überlieferten Rahmens also so, als wäre sie auch die Autorin dieses Gemäldes. Auch der daneben angebrachte Titel »Straße in La Ciotat«, einem Ort in der Provence, schien auf den ersten Blick zu dieser Darstellung zu passen. Tatsächlich stehen diese auf dem ehemaligen Rahmen angebrachten Herkunftshinweise jedoch nur in Beziehung zur Herkunft des Rahmens und damit zur Biografie von Lothar-Günther Buchheim, der in enger freundschaftlicher Beziehung zur Familie von König stand.

Interessant ist, dass das Gemälde nicht als »Bretonische Landschaft«, wie ehemals in Buchheims Auktion, sondern unter dem auf dem Rahmen überlieferten Titel als »Straße in La Ciotat« vom 27.01. bis 27. 02.1966 in der Galerie Levante in München als Leihgabe aus der Sammlung Buchheim ausgestellt wurde. Weitere Angaben zur Herkunft des Bildes werden im begleitenden Ausstellungskatalog und auch in der im Privatarchiv der Eheleute Buchheim überlieferten Leihkorrespondenz nicht gemacht.

So schließen die Recherchen für das Bild von Maurice Denis mit ungesicherter Provenienz ab vmtl. 1927 bis 1941, als das Bild auf dem französischen Kunstmarkt aus unbekanntem Vorbesitz zum Verkauf angeboten wird, bis April 1948, als Buchheim es von Warthmann erwirbt. Hinweise auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug liegen bisher nicht vor. Die Forschung muss fortgesetzt werden.

In dem in Vorbereitung befindlichen Werkverzeichnis der Ölbilder werden die im Austausch mit einer Mitarbeiterin des Werkverzeichnisses erarbeiteten und hier dargelegten Forschungsergebnisse zu dem Gemälde, das dort unter dem Titel »La Clarté vue de la fontaine (La Clarté Seen from the Fountain)« geführt werden wird, veröffentlicht. Vor Drucklegung war den Autor*innen der Voreigentümer Hans Warthmann (1902–1989) noch nicht bekannt. Wir bedanken uns für die konstruktive und kollegiale Zusammenarbeit.

JL

19.03.2025

Beschriftungen

rekto u. l. signiert (in schwarzer Farbe): MAU DENIS. 23
verso o. l. beschriftet (in Tinte): [...] / MAURICE DENIS
verso o. m. Klebeetikett (bedruckt): Mon P. Thominet / Cousin frères / Successeurs / 100,102, Av. Victor Hugo / Paris
ehem. Rahmen verso l. m. beschriftet (in rotem Filzstift): Buchheim
ehem. Rahmen verso r. m. Klebeetikett (bedruckt): 33[8]
ehem. Rahmen verso r. u. Klebeetikett (in Tinte beschriftet, zu einem anderen Werk gehörig): [A]nna von Hansemann / Strasse in La Ciotat« / [P]reis 700,– Mk.

Provenienz

o. D.–1927: im Besitz des Künstlers
03/1924: Galerie Druet, Paris, ausgestellt in der Ausst. »Maurice Denis«, Nr. 32 »Petite vue de la Clarté« (Eigentumsverhältnisse nicht geklärt)
07/1927–o. D.: vmtl. Henri Lidchi (Lebensdaten unbekannt), erworben aus Künstlerbesitz (Werkidentität nicht eindeutig gesichert)
[...]
08.12.1941: Paris, Hôtel Drouot, Tableaux Modernes, Me Étienne Ader, Nr. 107
[...]
o. D.–07.04.1948: Hans Warthmann (1902–1989), München [7]
07.04.1948–08.03.2014: Lothar-Günther Buchheim (1918–2007), Frankfurt a. M./später Feldafing, und Diethild Buchheim (1922–2014), erworben von Hans Warthmann (1902–1989), München [8]
21.04.1950: Frankfurter Kunsthaus, Frankfurt a. M., 1. Versteigerung, Nr. 514, eingeliefert von Lothar-Günther Buchheim (1918–2007), Einlieferer-Nr. 23, unverkauft zurück an Einlieferer
seit 08.03.2014: Buchheim Stiftung, Feldafing/Bernried, erworben im Erbgang von Diethild Buchheim (1922–2014), Feldafing

JL

18.08.2022

Sammlung Buchheim
Frankfurter Kunsthaus / Galerie Buchheim-Militon

Ausstellungen

MIT WACHEM BLICK & BEGABTER HAND. WERKE AUS DER SAMMLUNG, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 05.04.2025–29.06.2025

MAURICE DENIS, Galleria del Levante, München, 27.01.1967–27.02.1967

Literatur

MAURICE DENIS, m. e. Text v. Franco Russoli, Ausst.-Kat. Galleria del Levante, München (27.01.–27. 02.1967), Mailand: Edition Galleria del Levante, 1967 (Katalog Nr. 21), Kat. Nr. 12, Abb. S. 12

MAURICE DENIS. GEMÄLDE, AQUARELLE, ZEICHNUNGEN, Ausst.-Kat. Museum Städtische Kunstsammlungen Bonn, Arndt-Haus (organisiert in Zusammenarbeit mit Galleria del Levante), 25.07.–27.08.1967, 1967, Kat. Nr. 24

MAURICE DENIS, Ausst.-Kat. LWL-Landesmuseum Münster (organisiert in Zusammenarbeit mit Galleria del Levante), 16.04.–28.05.1967, 1967, Kat. Nr. 12

EUROPÄISCHE KUNST DER NEUZEIT, GRAPHIK ALTER MEISTER, KUNSTLITERATUR. 1. VERSTEIGERUNG, Frankfurter Kunsthaus L. G. Buchheim, Dr. G. Haase, Frankfurt am Main (21.–22.4.1950), Kat. Nr. 514, Abb. S. Tafel 13, Erw. S. 46

TABLEAUX MODERNES. DESSINS, AQUARELLES, GOUACHES, PASTES, SCULPTURES, Hotel Drouot, Salle No 7, Paris (08.12.1941), Kat. Nr. 107

MAURICE DENIS, Ausst.-Kat. Galerie E. Druet, Paris (10.–21.03.1924), Kat. Nr. 32