Pferdegespann

Ernst Ludwig Kirchner

1900

Kohle auf Papier

Bildmaß 30,7 x 44,6 cm


Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See


Inventarnummer: 1.00167

Alternativer Titel: Kutsche; Pferde; Pferde mit Lastfuhre; Lastfuhre

Zeichnung, Schwarze Pigmente


Sammlungsbereich: Arbeiten auf Papier

Künstler/in: Ernst Ludwig Kirchner


Reproduktion: Nikolaus Steglich, Starnberg
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Beschreibung

Als 20-Jähriger zeichnet Ernst Ludwig Kirchner mit Kohle das »Pferdegespann« auf gelbliches Papier. Es ist die früheste Zeichnung des Künstlers in den Sammlungsbeständen des Buchheim Museums. Stilistisch ist sie als solche auch erkennbar, denn es geht Kirchner in dieser Darstellung (noch) um die bildliche Wiedergabe von Realität. 1901 schreibt sich Kirchner auf den Wunsch seines Vaters, Ernst Kirchner (1847–1921), als Student an der Architekturfakultät der Technischen Hochschule in Dresden ein. Zwar erkennt Kirchners Vater dessen künstlerisches Talent und fördert dieses durch einen Aquarellkurs, besteht aber darauf, dass Kirchner nach dem Abitur eine abgeschlossene Berufsausbildung hat. In seinem Studium lernt Kirchner die anderen drei Gründungsmitglieder der Künstlergemeinschaft »Brücke«, nämlich Fritz Bleyl (1880–1966), Erich Heckel (1883–1970) und Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) kennen.

Auch diese Kohlezeichnung erwirbt Lothar-Günther Buchheim über das Auktionshaus Stuttgarter Kunstkabinett in der 20. Auktion am 25.11.1954 als Nr. 1336 zusammen mit vier anderen Papierarbeiten des Künstlers sowie einem Gemälde, »Stillleben mit Kamelientopf auf rundem Tisch« von Rudolf Levy (Inv. 0.00074). Eine Rechnung über den Kauf von »Pferdegespann« hat sich unseres Wissens nach im Privatarchiv der Eheleute Buchheim nicht erhalten. Ein im Rahmen der Provenienzforschung initiiertes Digitalisierungsprojekt, bei dem ein Großteil der in der Privatbibliothek der Eheleute Buchheim überlieferten Auktionskataloge auf mögliche Übereinstimmungen hin mit den Forschungsobjekten der Provenienzforschung digitalisiert und durch ein OCR-lesbares Programm durchsuchbar gemacht werden konnte, ermöglichte die Werkzuordnung und damit die Rekonstruktion der Herkunft von »Pferdegespann«. Denn bereits im Auktionskatalog zur 20. Auktion des Stuttgarter Kunstkabinetts wird Frédéric Bauer als Voreigentümer des Blattes, das in der Auktion als »Pferde mit Lastfuhre« angeboten wird, durch eine Literaturreferenz dokumentiert. Diese bezieht sich auf die Ausstellung der Sammlung Bauer unter dem Titel ERNST LUDWIG KIRCHNER. GEMÄLDE UND GRAPHIK DER SAMMLUNG DR. F. BAUER, DAVOS, im Haus der Kunst in München vom 25.10. bis 14.12.1952. In diesem Ausstellungskatalog ist die Kohlezeichnung als Kat.-Nr. 29, »Lastfuhre«, ohne Abbildung dokumentiert. Das Archiv des Stuttgarter Kunstkabinetts bestätigte freundlich, dass Frédéric Bauer aus Etoy Einlieferer der Kohlezeichnung zur oben genannten 20. Auktion gewesen ist.

Um 1921/22 müssen sich der aus dem Elsass stammende Arzt Bauer und Kirchner bereits gekannt haben, wie eine Radierung von Kirchner mit der Darstellung von Bauer aus diesen Jahren belegt. Die Beziehung der beiden, die über die Jahre hinweg zu einer Freundschaft wird, beginnt, als Bauer Kirchners behandelnder Arzt im Davoser Parksanatorium wird. Bauer erwirbt regelmäßig Arbeiten von Kirchner. Laut den Recherchen des Kunsthistorikers Roland Scotti erwarb Bauer den Großteil seiner Kirchner-Sammlung bis 1932, füllte danach durch gezielte Ankäufe nur noch offensichtliche Lücken oder kaufte Werke, um Kirchner finanziell zu unterstützen. Zu dieser Papierarbeit sind uns die Erwerbsumstände durch Bauer unbekannt. Trotzdem darf aufgrund der dokumentierten engen Beziehung zwischen Künstler und Sammler davon ausgegangen werden, dass Bauer das Blatt direkt vom Künstler erworben hat.

Die Provenienz ist für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 rekonstruierbar und unbedenklich. Sie schließt einen NS-verfolgungsbedingten Hintergrund aus.

JL

21.09.2023

Beschriftungen

rekto o. r. signiert und datiert (in Bleistift): E L Kirchner 1900
verso u. l. beschriftet (in roter Kreide, um 90° nach links gedreht): 2
verso u. m. l. beschriftet (in Bleistift): 1.00167
verso u. m. r. betitelt (in violettem Buntstift): Kutsche [?]
verso u. m. l. betitelt und datiert (in roter Kreide): Pferde 1900
verso u. r. beschriftet (in Bleistift): 181 [eingekreist]
verso u. r. beschriftet (in Bleistift): 126. [eingekreist]

Provenienz

vmtl. spät. 1932–1955: Frédéric Bauer (1883–1957), Davos/Etoy, erworben vom Künstler
25.11.1954: Stuttgarter Kunstkabinett, Stuttgart, 20. Auktion, Nr. 1336, eingeliefert von Dr. Frédéric Bauer, Etoy
25.11.1954–22.02.2007: Lothar-Günther Buchheim (1918–2007) und Diethild Buchheim (1922–2014), Feldafing, erworben im Stuttgarter Kunstkabinett, Stuttgart, 20. Auktion
seit 22.02.2007: Buchheim Stiftung, Feldafing/Bernried, erworben im Erbgang von Lothar-Günther Buchheim (1918–2007) und in konkludenter Schenkung von Diethild Buchheim (1922–2014), Feldafing

JL

28.08.2023

Sammlung Buchheim
Sammlung Frédéric Bauer

Ausstellungen

LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM UND DER KUNSTMARKT, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 16.03.2024–16.06.2024

EXPRESSIONISTEN. SAMMLUNG BUCHHEIM, Haus der Kunst, München, 29.07.1998–18.10.1998

DIE MALER DER BRÜCKE, SAMMLUNG BUCHHEIM, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 18.06.1959–26.07.1959, in Teilen verlängert bis 04. oder 11.10.1959

Literatur

EXPRESSIONISTEN. SAMMLUNG BUCHHEIM, hrsg. i. Auftrag der »Freunde des Buchheim-Museums und der Buchheim Stiftung e. V.«, m. Texten von Christoph Vitali, Carla Schulz-Hoffmann, Hans Krieger, Clelia Segieth, Lothar-Günther Buchheim, Ellen Maurer, Ausst.-Kat. Haus der Kunst, München (29.07.–18.10.1998), Feldafing: Buchheim Verlag, 1998, Kat. Nr. 131 (ohne Abb.)

DIE MALER DER BRÜCKE. SAMMLUNG BUCHHEIM, m. Texten von Hans Konrad Röthel, Ausst.-Kat. Städtische Galerie München (18.06.–26.07.1959), Kat. Nr. 8

20. KUNST-AUKTION, ZWEITER TEIL: KUNSTWERKE DES 15. – 20. JAHRHUNDERTS, DARUNTER SAMMLUNG NELL WALDEN (»DER STURM«), Stuttgarter Kunstkabinett Roman Norbert Ketterer (24.–26.11.1954), Kat. Nr. 1336, Erw. S. 98

ERNST LUDWIG KIRCHNER. GEMÄLDE UND GRAPHIK DER SAMMLUNG DR. F. BAUER, DAVOS, Ausst.-Kat. Haus der Kunst München (25.10.–14.12.1952), Nürnberg: Nürnberger Presse GmbH, 1952, Kat. Nr. 29, Erw. S. 20

Weitere Werke