Lothar-Günther Buchheim (1918–2007)



© Buchheim Stiftung, Bernried (Ausschnitt aus einem Negativ)


Lothar-Günther Buchheim wächst in Chemnitz auf. Geboren aber ist er in Weimar. Seine unverheiratete Mutter, die Malerin Charlotte Buchheim (1891–1964), reist extra für die Niederkunft in die Klassikerstadt, damit das Leben ihres Sohnes in dieser kunstsinnigen Umgebung beginnen kann. Mit ihr entdeckt Lothar-Günther Buchheim früh die Museen, zeichnet und malt auf gemeinsamen Ausflügen. So verwundert es nicht, dass er bereits mit 12 Linolschnitte fertigt, diese mit 14 in der Leipziger Kunsthandlung Mittenzwey ausstellt und 1935 seine erste Monografie veröffentlicht wird: EIN GANZ JUNGER KÜNSTLER. Er gilt als Wunderkind, leidet darunter, pflegt dieses Image aber auch, zumal er schon als Schüler Verantwortung für Mutter, Großmutter und den 2 Jahre jüngeren Bruder Klaus (1920–1992) übernehmen muss. Finanziell unterstützt er die Familie mit Verkäufen und Veröffentlichungen seiner Grafik und Artikeln, die er seit 1936 in verschiedensten Illustrierten publizieren kann. Seine Doppelbegabung und sein Ehrgeiz führen bald zum Erfolg. Im Direktor des Chemnitzer Kunstmuseums, Friedrich Schreiber-Weigand (1879–1953), findet er bereits 1930 einen frühen Förderer. Neben seinen künstlerischen Ambitionen ist Buchheim sportbegeistert: Er wandert, fährt Ski, Rad und Faltboot und wird sächsischer Gaumeister im Ringen.

Im Herbst 1937 schreibt Buchheim sich in Dresden an der Akademie der bildenden Künste ein, für die er ein Staatsstipendium erhält. Im Sommer 1938 paddelt er die Donau hinab, fährt bis ins Schwarze Meer und über das Mittelmeer und die Drina zurück nach Haus. Seine Erlebnisse schildert er in Zeitungsartikeln, 1941 erscheint sein Buch TAGE UND NÄCHTE STEIGEN AUS DEM STROM, posthum ein zweiter Teil der ursprünglich geplanten Trilogie. Zum Wintersemester 1939 wechselt Buchheim an die Münchner Kunstakademie. Im Herbst 1940 meldet er sich zur Marine und wird Kriegsmaler in Frankreich. Einige seiner Zeichnungen werden auf den Großen deutschen Kunstausstellungen in München oder anderen Propaganda-Schauen gezeigt. Buchheim zeichnet, fotografiert und schreibt, veröffentlicht intensiv in verschiedensten Zeitungen. Insbesondere die Feindfahrt mit U96 schildert er in mehreren Artikeln, die meist mit eigenen Fotografien oder Zeichnungen illustriert sind. Seine Erlebnisse und Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg beschäftigen ihn zeit seines Lebens und bilden die Grundlage für viele seiner Bücher: 1943 erscheint JÄGER IM WELTMEER, das sich mit einem Dönitz-Vorwort in die Reihe der offiziellen Kriegsliteratur einreiht. Doch auch nach dem Krieg lässt Buchheim das Thema nicht los. Durch seinen 1973 veröffentlichten Roman DAS BOOT, in dem er den U-Boot-Krieg nun ungeschönt schildert, wird er zum Bestsellerautor und nicht zuletzt durch die 1981 vollendete Verfilmung weltberühmt. Diesmal gelingt es ihm, die Trilogie mit den Romanen DIE FESTUNG (1995) und DER ABSCHIED (2000) zu vollenden, auch seine Fotos aus Kriegszeiten publiziert er gesammelt in drei Bänden. Bis ins hohe Alter veröffentlicht Buchheim Romane, schreibt Grundlagenwerke zu moderner Kunst, publiziert Fotobücher und meldet sich immer wieder in Artikeln zu Wort.

Den Krieg übersteht Buchheim körperlich unverletzt. Seine Anpassungsfähigkeit, sein Ideenreichtum und sein Ehrgeiz lassen ihn auch unter der amerikanischen Besatzung schnell wieder Fuß fassen. So wird er Chief of Police in Feldafing, dem Ort am Starnberger See, wo er seit Beginn der 1940er-Jahre lebt. Kurz darauf wird er zu einer einjährigen Gefängnisstrafe wegen »unerlaubten Besitzes von Eigentum, das den Alliierten Streitkräften gehört« und »Ungehorsam gegen Befehl der Militärregierung« verurteilt. Die Haft schwächt sein Selbstvertrauen jedoch nur kurzfristig und nach einem Berufungsverfahren wird er vorzeitig entlassen. 1946 eröffnet Buchheim die »Kunsthandwerklichen Werkstätten«, in denen er Holzspielzeug und Hinterglasbilder fertigt und bei einer Ausstellung in der Münchner Galerie Baudenbach gemeinsam mit Zeichnungen aus der Bretagne ausstellt. 1950 gründet Buchheim eine Kunsthandlung in Frankfurt am Main, wo er die im Nationalsozialismus verfemte Moderne und vor allem auch französische Kunst zeigt. Die Kataloge erscheinen im eigenen Verlag. Mit diesem zieht er nach Schließung der Galerie endgültig nach Feldafing und baut ihn zum größten Kunstkalender- und Postkartenverlag aus. Dort veröffentlicht er auch die Mehrzahl der von ihm geschriebenen Kunstbücher, so die Werke zum Expressionismus, zu »Brücke« und »Blauem Reiter«, zu Max Beckmann und Otto Mueller.

Auch als bildender Künstler ist Buchheim nach wie vor rege. Es entsteht eine Serie mit Plakaten, in denen Buchheim Fundstücke aus Zeitschriften der Jahrhundertwende mit psychedelischem Design und Haussprüchen der Kaiserzeit oder den Parolen der zeitgenössischen Protestbewegung kombiniert. Darüber hinaus fotografiert und aquarelliert er vor allem, gern auch auf ausgedehnten Reisen durch die ganze Welt. Buchheim stellt seine eigenen Werke regelmäßig in Galerien und Museen aus, häufig kombiniert mit Präsentationen seiner stetig wachsenden Sammlung moderner Kunst. Ein ehemaliges Feldafinger Café baut er mit seiner riesigen Sammlung an Schönem und Kuriosem, an Witzigem und Erstaunlichem zu einem öffentlich zugänglichen Gesamtkunstwerk aus. Sein Wohnhaus bildet mehr und mehr ein privates Äquivalent. In den späten 1970ern und 1980ern dreht Buchheim mehrere Dokumentationen und ist Nebendarsteller in Spielfilmen. Er genießt die Öffentlichkeit, bewegt sich gern in der Gesellschaft. Sein rücksichtslos-offenes und selbstsicher-angriffslustiges Auftreten, aber auch seine breite Bildung und sprachliche Gewandtheit machen ihn zu einem oft angefragten Gast in Talkshows und für Interviews. 1983 erhält Buchheim das Bundesverdienstkreuz, er wird Ehrendoktor in Duisburg und Ehrenbürger von Chemnitz, erhält mit dem Maximiliansorden Bayerns höchste Auszeichnung.

Trotz mehrerer Operationen, dem Verlust eines Auges und dem Schwinden seines Gehörs verfolgt Buchheim bis zuletzt seine Projekte und Ziele. Mit der Gründung der Buchheim Stiftung und der Eröffnung des Buchheim Museums der Phantasie findet ein reiches Leben seinen Abschluss.

RK

11.03.2020

Galerie

Werke

Ausstellungen

[Ausstellungstitel mit Linolschnitten von Lothar-Günther Buchheim], Kunsthandlung Mittenzwey, Leipzig, 1932

DIE PRESSEZEICHNUNG IM KRIEGE, Kurpfälzisches Museum, Heidelberg, 1941

DER MALER LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM. ARBEITEN AUS WERKSTATT UND ATELIER (STÄNDIGE KUNSTAUSSTELLUNG DIE SCHWABINGER »KLEINE«), Galerie Baudenbach, Hermann Baudenbach, München, 20.11.1946–31.12.1946

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Galerie Thomas, München, 20.02.1968–?

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Galerie Commeter, Hamburg, 03/1968

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Buchhandlung zum Elsässer, Zürich, 04/1968

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Galerie Ida Niggli, St. Gallen, 04/1968

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Galerie Putty, Wuppertal-Elberfeld, 04/1968

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Galerie am Dom, Innsbruck, 1968

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Galerie UBU, Karlsruhe, 04/1968

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Dom-Galerie, Köln, 05/1968

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Droste-Buchhandlung, Düsseldorf, 06/1968

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Galerie Brückenschenke, Traben-Trarbach, 07/1968

PIPAPOP-POSTERS VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Ulmer Museum, Ulm, 1-3/1969

DER MALER LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Staatliche Graphische Sammlung München, München, 18.10.1973–25.11.1973

DER MALER LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Badischer Kunstverein, Karlsruhe, 18.10.1974–18.11.1974

LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM. DER MALER, Lehmbruck Museum, Duisburg, 1983

LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Galerie von Abercron, München, 1991

BUCHHEIMS BUNTE ZIRKUSWELT. HINTERGLASBILDER, HAMPELMÄNNER, MANEGENZAUBER ..., Schloßmuseum Murnau, Murnau, 14.03.1997–06.07.1997

LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM. KRIEGSZEIT, Villa Maffei, Feldafing, 09.01.1999–14.02.1999

LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM. DER MALER, Villa Maffei, Feldafing, 15.08.2003–09.11.2003

CARNEVAL IN VENEDIG. PHOTOGRAPHIEN VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 07.02.2004–12.04.2004

»MEIN PARIS« – EINE STADT IM KRIEG UND DANACH. PHOTOGRAPHIEN VON lOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, ab 14.08.2004

EINES LEBENS LAUF. LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 02.02.2006–03.10.2006

PI PA POP POSTERS von Lothar-Günther Buchheim, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, ab 10.02.2007

EINES LEBENS LAUF – LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 22.04.2007–07.10.2007

LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM: SÜDSEEBILDER (1972), Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 09.02.2008–24.01.2009

LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM – DER FOTOGRAF, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 27.04.2008–02.11.2008

STAATSGALA – FOTOGRAFIEN VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 26.09.2009–28.02.2010

LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM. DAS BOOT. DIE FOTOGRAFIEN, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 06.07.2010–10.11.2010

MALEN WIE SCHLAFWANDELN AUF DEM FIRST – SÜDLICHE LANDSCHAFTEN VON LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 25.03.2012–24.06.2012

LOTHAR-GÜNTHER BUCHHEIM – FELDAFINGER BILDER 1945–1996, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 16.11.2014–01.02.2015

GLASNOST PERESTROIKA Friedensforum Moskau 1987 – Fotografien von Lothar-Günther Buchheim, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 21.12.2014–22.02.2015

AUGENFUTTER. BUCHHEIMS KÜSTENBILDER 1941–1944, Kunstverein Aalen e.V., Aalen, 12.07.2015–30.08.2016

AUGENFUTTER. BUCHHEIMS KÜSTENBILDER 1941–1944, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 24.10.2015–24.01.2016

BUCHHEIMS VERGESSENE BILDER, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 05.12.2015–17.01.2016

PURRMANN UND DER EXPRESSIONISMUS, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 02.04.2017–09.07.2017

NONNENSPIEGEL UND ZIRKUSSCHWEINE, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 13.10.2017–18.02.2018

BUCHHEIM 100, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 17.03.2018–01.07.2018

RIESENSPEKTAKEL. ZIRKUS BUFFI & SCHLOSS ZWERGAPFELKERN, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 2020

BOOT, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See, 31.07.2021

Literatur

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